Arbeitswelt: „Ganz neue Seiten“ (Report, Die Zeit/Chancen 14.03.2013)

Arbeitswelt:

„Ganz neue Seiten“

Report, Die Zeit/Chancen 14.03.2013

Als Autor keinen Verlag gefunden? Dann wird man heute Selbstverleger – denn der Markt für E-Books wächst und wächst. Wie reagieren Lektoren und Verlage darauf?

Als Nika Lubitsch an ihrem 58. Geburtstag das Einwickelpapier des Geschenks öffnete, wusste sie noch nicht, dass ihr Mann ihr soeben den ganz großen Traum geschenkt hatte. Und Geld. Sehr viel Geld. In der Hand hielt Nika Lubitsch einen Kindle, den E-Book-Reader von Amazon. Heute ist sie Bestsellerautorin – dank dieses Geräts. Ihr Roman Der 7. Tag hat sich mehr als 100000 Mal verkauft, innerhalb eines guten halben Jahres hat sie mehr als 200000 Euro verdient.

Das Besondere: Lubitsch hat es allein geschafft. Ohne Verlag, ohne Marketing. Als Self-Publisherin, als Autorin also, die ihre Bücher in Eigenregie veröffentlicht. In ihrem Fall als E-Book auf Amazon mit dem sogenannten Kindle Direct Publishing.

Die Geschichte von Nika Lubitsch, die in Wahrheit anders heißt und unter Pseudonym schreibt, erinnert im Kleinen an den Erfolg des Weltbestsellers Fifty Shades of Grey, der im vergangenen Jahr den Buchmarkt aufwirbelte. Die britische Autorin E. L. James veröffentlichte ihre Sadomaso-Story zunächst auf ihrer Internetseite. Bis ein Verlag auf sie aufmerksam wurde. Der Rest ist Buch-Geschichte, E. L. James inzwischen Millionärin.

Es geschieht etwas in der Buchbranche. Es scheint, als könne heute jeder Autor werden, ohne Verlag. Auf der Leipziger Buchmesse wird dieses Jahr zum ersten Mal ein Preis für Self-Publisher vergeben. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Werke, die inhaltlich beeindrucken und mit einem Gesamtkonzept überzeugen: gutes Marketing, guter Vertrieb. Was bedeutet das für Lektoren und Verlage?

Antworten findet man bei Timothy Sonderhüsken. Auch er arbeitet mit E-Books, allerdings in genau der Funktion, die die Self-Publisher umgehen: Sonderhüsken ist Programmleiter des jungen E-Book-Verlags dotbooks in München und entscheidet, welche Manuskripte dort veröffentlicht werden. »Self-Publishing ist eine ernst zu nehmende Option für Autoren, die keinen Verlag finden«, sagt Sonderhüsken. Aber dass die Verlagsbranche im Umbruch ist, liege nicht an Autoren, die in Eigenregie veröffentlichten, sagt er, »sondern an neuen Lesegewohnheiten und neuer Technik«.

Es sind die elektronischen Lesegeräte selbst, die die Verlagsarbeit verändern. Zwar bleibt die Hauptaufgabe von Lektoren weiterhin die Arbeit am Text, doch kommt beim E-Book Neues hinzu: Wie lässt sich der Text für die verschiedenen Reader-Geräte gestalten? Wie kann ein Verlag seine Autoren bei ihren Aktivitäten in Sozialen Netzwerken unterstützen? Das sind Fragen, mit denen sich der 42-jährige Sonderhüsken heute beschäftigt.

Im vergangenen Jahr hat er die große Verlagsgruppe Droemer Knaur verlassen, bei der er 14 Jahre lang Lektor und Programmleiter war, um bei dem Start-up dotbooks zu arbeiten, einem der ersten E-Book-Verlage Deutschlands, die nicht zu einem großen Verlagshaus gehören. Sonderhüsken wollte unter den Pionieren sein.

»Die etablierten Verlage setzen Mehltau an«, sagt er. Sie reagieren nicht oder zu wenig innovativ auf die Veränderungen in der Branche. Viele etwa bringen als E-Book nur heraus, was auch als Hardcover oder Taschenbuch Erfolg hatte. Dabei ist die elektronische Form ideal, um sich auch an Neues zu wagen, eingebettete Videos beispielsweise oder das Brechen der 200-Seiten-Regel – so lang sollte ein gedrucktes Buch mindestens sein. Im E-Publishing-Geschäft können auch einzelne Kurzgeschichten funktionieren. So wie man sich heute auch nur noch einzelne Songs herunterlädt statt ein ganzes Album.

Selbstvermarkter nutzen dieses Potenzial längst. Die Autorin Katja Piel etwa hatte mit ihrer E-Book-Fantasy-Serie The Hunter im Alleingang auf Amazon Erfolg. Gedruckt hätten sich die Geschichten über eine Geisterjägerin schwer verkaufen lassen, zu kurz sind die einzelnen Episoden. Für den schnellen Fantasy-Kick in der U-Bahn sind sie dagegen ideal.

Piel arbeitet hauptberuflich als Beraterin in der IT-Branche. Abends, wenn ihr Sohn im Bett ist, setzt sie sich an den Tisch und schreibt. Mit Beginn der siebten Folge erscheint ihre Serie nun jedoch nicht mehr als Eigenveröffentlichung, sondern beim Verlag dotbooks. »Ich möchte mich professionalisieren«, sagt Katja Piel. Denn obwohl die Zahl der Self-Publisher ständig größer wird, gelingt nur wenigen der Durchbruch. Das liegt daran, dass ihre Texte oft nicht gut genug sind. Ein Verlag hilft, die Geschichte voranzutreiben – ohne logische Brüche und ohne grammatikalische Patzer. Es liegt aber auch an den fehlenden Strukturen für Vertrieb und Marketing: Ein Buch im Alleingang zu vermarkten ist schwierig. Erfolg bleibt Glückssache.

Timothy Sonderhüsken erzählt, dass er inzwischen auch im Netz auf Autorenfang geht. Insgesamt gut 50 Blogger, Twitterer und Facebook-Schreiber hat der Lektor inzwischen angeschrieben. Die meisten konnte er allerdings nicht für den Verlag gewinnen. Einige wollten kein Buch schreiben, weil es sie zu viel Zeit gekostet hätte. Bei anderen reichten die Ideen nicht für einen längeren Text.

Nika Lubitsch erzählt in ihrer Wohnung in Berlin-Zehlendorf, dass sie Ideen hatte, aber keinen Verlag. Sie wollte Schriftstellerin werden, seit sie einen Füller halten konnte. Mit 26 schrieb sie ihren ersten Roman – er wurde von allen Verlagen abgelehnt. Statt Schriftstellerin wurde sie Partnerin in einer Werbeagentur. »Ich war erfolgreich«, sagt Lubitsch. »Aber mit dem Schreiben aufhören konnte ich nicht.« Sie schrieb Kurzgeschichten, Fragmente. 1999 beendete sie Der 7. Tag. Und fand wieder keinen Verlag. Die Urteile waren vernichtend: taugt nichts. Zu viele Rückblenden, zu journalistisch und dann auch noch die Ich-Perspektive. Das Manuskript blieb eine Datei auf ihrem Computer. Im Sommer 2012, 13 Jahre nachdem sie es fertig geschrieben hatte, sechs Monate nachdem sie einen E-Book-Reader zum Geburtstag bekam, sah Lubitsch eine Kindle-Werbung und erinnerte sich an die Passage über Self-Publishing in der Gebrauchsanweisung.

Als Versuchsballon lädt sie eine Sammlung von Kurzgeschichten hoch. Unter Pseudonym. Wer weiß schon, wie die Reaktionen sind. Aber dann werden die Kurzgeschichten von so vielen Menschen gelesen, dass Lubitsch in zwei Wochen 660 Euro verdient. Nun traut sie sich auch, ihren Roman hochzuladen. Ihr Marketing-Konzept: drei Tage umsonst anbieten, damit der Krimi in den Gratis-Charts sichtbar wird, dann für 2,99 Euro. 70 Prozent bekommt sie, 30 Prozent gehen an Amazon.

Nach einer Woche überspringt ihr Roman die drei Shades of Grey- Bände in den E-Book-Charts und landet auf Platz eins. Lubitsch hat den Erfolg, den ihr bis dahin nie ein Verlag zugetraut hatte – jetzt braucht sie keinen Verlag mehr. Auch ihr neues BuchDas 5. Gebot hat sie als E-Book ebenfalls selbst veröffentlicht, für eine Ausgabe als Taschenbuch hat sie eine Vereinbarung mit einem Verlag abgeschlossen, aber ihre Rechte an einen Verlag abtreten, wie es sonst üblich ist, möchte sie nicht. Sie setzt weiterhin auf das Self-Publishing bei Amazon. Das heißt aber auch: Lubitsch hat sich dem Internet-Giganten (ZEIT Nr. 35/12) verschrieben. Wer auf Amazon veröffentlicht, darf keine Plattformen von anderen Anbietern wie Hugendubel oder Weltbild nutzen.

Katja Piel, die Autorin der erfolgreichen Fantasy-Geschichte The Hunter, hat sich auch deshalb für einen Verlag entschieden.

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