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Arbeitswelt: „Wie der Job den Charakter verändert“ (Report, Brigitte 15/2013)

Arbeitswelt:

„Wie der Job den Charakter verändert“

Report, Brigitte 15/2013

Die eine haut plötzlich auf den Tisch, die andere wird immer verhuschter: Der Berufsalltag kann neue Wesenszüge herauskitzeln – manchmal sogar einen anderen Menschen aus uns machen. Woran das liegt und wie man damit umgeht.

Stellen Sie sich vor: Der Chef bietet Ihnen die Leitung Ihrer Abteilung an, aber zu dem Job gehört auch, dass Sie das Team eng führen und auf längere Sicht verkleinern.

Sie nehmen an – Sie wissen ja, dass man solche Chancen nicht ablehnen darf. Sie denken: Wird schon gehen, als Führungskraft gehört es dazu, sich durchzusetzen.

Aber die neue Rolle verändert ganz viel. Auf einmal sind Sie nicht mehr die Nette, die mit den Kollegen in die Kantine geht. Sondern die Toughe, die Vollstreckerin, die Karrierefrau. So sehen Sie die anderen, und Sie selbst sind nicht mehr sicher, wie Sie eigentlich dazu stehen. Und damit Sie Ihre Scham nicht überwältigt, legen Sie sich eine Fassade zu. Sind professionell und unnahbar.

„Künstlich“, sagen die Kollegen.

Im Job ist jeder Mensch fremdbestimmt.

Doch zumindest nach Feierabend, denken wir, sind wir dann wieder wir selbst. Aber stimmt das überhaupt?

„Nicht nur wir gestalten unsere Arbeit, sondern unsere Arbeit gestaltet auch uns“, sagt die Psychologin Christa Beyrer, 41, die als Coach in München arbeitet.

Was wir tagsüber erleben, hinterlässt Spuren in unserem Innersten. Es kann unser Wesen verändern.

Das kann toll sein. Wenn wir Stärken entwickeln, die wir bislang nicht hatten und die uns weiterbringen. Katrin Zeiler* etwa hat ihr Job ehrlicher und offener gemacht.

Die 29-Jährige arbeitet in Berlin als Restaurant-Managerin für eine internationale Hotelkette, lacht viel und spricht mit bayerischem Einschlag. Aufgewachsen ist sie im Münchener Umland in einer katholischen Familie, die Mutter Hausfrau, der Vater Alleinverdiener.

Heute hat sie 40 Mitarbeiter unter sich, die meisten sind Männer. Sie sagt: „Als everybodys darling schaffst du es nicht.“ Dass sie sich verändert habe, seit sie Chefin ist, hörte sie von ihrer Mutter und früheren Kolleginnen.

Härter sei sie geworden, so bossy. „Es stimmt, dass ich früher weicher war, im Job und auch privat“, sagt Katrin Zeiler. Sie überlegte fünfmal, wie sie etwas sagt. Oder ob sie überhaupt etwas sagt, um nur ja niemanden zu verletzen. Als Chefin ging das nicht mehr. „Wenn ich Schwieriges nicht sofort anspreche, knallt mir der Laden um die Ohren.“ Auch wenn sie von neuen Charakterzügen spricht ( direkter, offener, ehrlicher) – als eine Drehung um 180 Grad empfindet sie ihre Veränderung nicht. „In vielem bin ich ja immer noch die alte Katrin: Was ich sage, sage ich weiterhin freundlich.

Aber nun sage ich es eben.“ Mit der Veränderung, fügt sie an, habe sie nur gewonnen: Anerkennung im Job, den sie gut macht; sie wird weiter ge fördert. Und ein besseres Verhältnis zu ihrer Familie: „Es liegt nicht mehr so viel unausgesprochen in der Luft.“ Es ist schwer zu sagen, was die Henne ist und was das Ei. Kitzelt der Job Charaktereigenschaften hervor, die wir in uns tragen, aber noch nicht kannten?

Oder verändern neue Aufgaben oder der Chef und die Kollegen unser Wesen?

B eides kann möglich sein – oder eine Mischung daraus. „Häufig kommen beide Aspekte zum Tragen“, sagt auch Christa Beyrer. Die Münchener Psychologin arbeitete im Personalmanagement einer Unternehmensberatung, bevor sie sich als Beraterin, Trainerin und Coach selbständig machte. Sie sagt, dass unser Charakter zwar stabil ist, aber nicht unveränderbar.

Einige Persönlichkeitsmerkmale bleiben für immer, andere leben wir nur in bestimmten Phasen oder Situationen. Weil wir aber von Erlebnissen und Menschen beeinflusst werden, ändern wir uns im Laufe unseres Lebens. Mit dreißig, vierzig oder fünfzig haben wir zwar noch Eigenschaften, die uns schon mit zwanzig ausgezeichnet haben: Vielleicht sind wir immer noch freundlich oder unehrlich, tolerant oder extrovertiert, selbstbewusst oder schüchtern. Aber eben nicht nur. Weil wir einiges erlebt und uns diese Erlebnisse verändert haben.

Und im Job gibt es viele Erlebnisse. Darum sollte man immer mal wieder innehalten und sich bewusst machen, dass einen der Job verändern kann.

Die Psychologin Brigitte Roser, 53, arbeitet als Beraterin in Frankfurt am Main. Sie sagt, dass Charakter und Persönlichkeit weitgehend synonym verwendet werden, und spricht lieber davon, dass es nicht die Erlebnisse, sondern die Entscheidungen sind, die unseren Charakter prägen. Das ist aktiver, so Roser, die jeden Menschen als Regisseur seines Lebens sieht: „Unser Charakter ist nicht gottgegeben, sondern eine Konsequenz aus den Entscheidungen, die wir treffen.“ Sie sieht das positiv, gerade im Beruf:

„Im besten Fall haben wir uns für den Job entschieden, der zu uns passt, und entwickeln uns dort weiter.“ Wenn wir uns mit der Veränderung unseres Wesens aber nicht gut fühlen, entspricht sie nicht dem, was uns im Innersten ausmacht. Sie kann trotzdem Teil unseres Charakters werden – aber wir leben dabei gegen uns selbst.

Wir erfüllen nur noch eine Rolle – ein Bündel an Erwartungen, die andere an uns stellen: die Rolle der Chefin, die immer die Antwort kennt; die Rolle der Kollegin, die es allein nicht schafft. „Sobald ich mich mit diesem ,Gesellschafts- Ich‘ identifiziere, orientiere ich mich am Außen“, sagt Brigitte Roser. „Ich verliere den Kontakt zu meinem Wesenskern.

Und dann lebe ich ein Leben, das ich nicht selbst steuere, sondern in dem ich mich steuern lasse.“ So wie bei Bettina Landgraf*, 35. Sie war selbstbewusst und ging gern auf andere zu, als sie ihren neuen Job als Texterin in einer PR-Agentur antrat. Ihre Aufgaben mochte sie. Eigentlich. Dann aber wurde sie ständig kontrolliert und kritisiert. Eigenverantwortliches und selbständiges Arbeiten? Fehlanzeige.

Bettina Landgraf wurde klein gehalten – und wurde dabei immer kleiner.

Sie sitzt in einem Café in München und bestellt eine Schorle. Sie ist groß, rote Lippen, die Fingernägel im selben Farbton. Alles an ihrem Outfit ist aufeinander abgestimmt. Sie spricht leise, aber sehr konzentriert. Man denkt sich so jemanden anders. Grauer. Unscheinbarer.

Nicht so aufrecht. Auf ihr Aussehen hat Bettina Landgraf immer geachtet.

Auch schon, bevor ihr Job sie veränderte.

Natürlich ist es nicht wie in Kafkas „Die Verwandlung“. Da wacht Gregor Samsa eines Morgens auf und findet sich als Käfer im Bett liegend wieder. „Es geschieht schleichend“, sagt sie, „man merkt es kaum.“ Aus Bettina Landgraf, der Selbstbewussten, wurde Bettina Landgraf, die verunsicherte Wegduckerin.

Sie machte Fehler. Das Gefühl der Unzulänglichkeit nahm sie mit nach Hause. Spürte es auch, wenn sie abends etwa mit Freundinnen ausging. Männer kennen lernen? Flirten? Ging gar nicht mehr. Sie traute sich selbst nichts mehr zu und schottete sich immer mehr ab.

Burnout, die Folge von Mobbing, oder hatte der Job ihr Wesen bereits nachhaltig verändert?

Es ist schwer, die Linie wirklich trennscharf zu ziehen. Sieht man den Charakter jedoch als die Summe unseres Verhaltens an – wir sind so, wie wir uns geben -, ist unser Selbstbewusstsein ein wichtiger Wesenszug. Und es beeinflusst weitere Eigenschaften: Leidet unser Selbstwertgefühl, sind wir weniger offen, mutig und extrovertiert.

Dr. Claudia Harzer erforscht an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd die Rolle von Charakterstärken im Beruf (www.stark-im-job.org). Diese sind bei ihr positiv besetzt, beispielsweise Mut, Teamfähigkeit oder Freundlichkeit.

In einer Ende 2012 veröffentlichten Studie für die Universität Zürich wies sie nach, dass es uns nicht nur zufrieden macht, wenn unsere Stärken zu unseren Job-Aufgaben passen, sondern dass wir dann auch mehr leisten. Diesen Flow nehmen wir mit nach Hause. Ändern sich die beruflichen Aufgaben oder bekommen wir „von oben“ Neues vorgesetzt, etwa eine andere Chefin, hilft es uns, so Harzer, wenn wir uns auf unsere Charakterstärken besinnen. Was kann ich gut? Was möchte ich in die neue Situation mitnehmen? Gleichzeitig sollten wir uns auf das Neue einlassen. „Es bietet uns die Chance auf Entwicklung“, sagt Claudia Harzer. Fühlen wir uns aber länger als ein Jahr unwohl, sollten wir über einen Wechsel nachdenken und überlegen, wo wir unsere Stärken besser einsetzen und weiterentwickeln können.

Sonst kann das Neue, als negativ Erlebte, zum Teil unseres Selbst werden.

Wer bleibt, hat oft gute Gründe“, sagt Brigitte Roser, die Beraterin aus Frankfurt, etwa Sicherheit oder Geld. „Aber dadurch verfehle ich meinen Weg. Ich verrate mich selbst, weil ich zu einem Menschen werde, der ich nicht sein möchte.“ Bettina Landgraf hatte Glück. Das sieht sie aber erst heute, im Nachhinein, so. Ihr Vertrag als PR-Texterin wurde nicht verlängert. Eine neue Stelle fand sie nicht sofort, hangelte sich so durch.

Inzwischen hat sie den gleichen Job wie vor ihrer Kündigung, nur bei einer anderen Agentur. Und plötzlich wird ihre Arbeit anerkannt und geschätzt. Ihr Selbstvertrauen kommt langsam zurück.

Und Restaurant-Managerin Katrin Zeiler, „die Harte“? Zur Reaktion ihrer Umgebung auf sie passt eine wissenschaftliche Erklärung aus der Sozialpsychologie:

Während wir bei uns selbst neues Verhalten eher über die Situation erklären, machen wir bei anderen deren Charakter verantwortlich. Das kennen wir auch vom Autofahren: Alle anderen sind rücksichtslos – wir aber haben es eilig. Doch im Beruf erfordern neue Aufgaben häufig auch neues Verhalten. Als Chefin können wir uns nicht genauso geben, wie wir das vielleicht noch als Kollegin taten. Das prägt uns auch.

Entscheidend ist, was wir selbst empfinden.

Ob wir uns wohl fühlen mit der neuen Facette unseres Ichs. Dann nämlich ist es ganz wunderbar, wenn der Job unseren Charakter verändert. Weil wir etwas Neues an uns entdecken, das uns auch guttut.

* Namen von der Redaktion geändert

Arbeitswelt: „Ganz neue Seiten“ (Report, Die Zeit/Chancen 14.03.2013)

Arbeitswelt:

„Ganz neue Seiten“

Report, Die Zeit/Chancen 14.03.2013

Als Autor keinen Verlag gefunden? Dann wird man heute Selbstverleger – denn der Markt für E-Books wächst und wächst. Wie reagieren Lektoren und Verlage darauf?

Als Nika Lubitsch an ihrem 58. Geburtstag das Einwickelpapier des Geschenks öffnete, wusste sie noch nicht, dass ihr Mann ihr soeben den ganz großen Traum geschenkt hatte. Und Geld. Sehr viel Geld. In der Hand hielt Nika Lubitsch einen Kindle, den E-Book-Reader von Amazon. Heute ist sie Bestsellerautorin – dank dieses Geräts. Ihr Roman Der 7. Tag hat sich mehr als 100000 Mal verkauft, innerhalb eines guten halben Jahres hat sie mehr als 200000 Euro verdient.

Das Besondere: Lubitsch hat es allein geschafft. Ohne Verlag, ohne Marketing. Als Self-Publisherin, als Autorin also, die ihre Bücher in Eigenregie veröffentlicht. In ihrem Fall als E-Book auf Amazon mit dem sogenannten Kindle Direct Publishing.

Die Geschichte von Nika Lubitsch, die in Wahrheit anders heißt und unter Pseudonym schreibt, erinnert im Kleinen an den Erfolg des Weltbestsellers Fifty Shades of Grey, der im vergangenen Jahr den Buchmarkt aufwirbelte. Die britische Autorin E. L. James veröffentlichte ihre Sadomaso-Story zunächst auf ihrer Internetseite. Bis ein Verlag auf sie aufmerksam wurde. Der Rest ist Buch-Geschichte, E. L. James inzwischen Millionärin.

Es geschieht etwas in der Buchbranche. Es scheint, als könne heute jeder Autor werden, ohne Verlag. Auf der Leipziger Buchmesse wird dieses Jahr zum ersten Mal ein Preis für Self-Publisher vergeben. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Werke, die inhaltlich beeindrucken und mit einem Gesamtkonzept überzeugen: gutes Marketing, guter Vertrieb. Was bedeutet das für Lektoren und Verlage?

Antworten findet man bei Timothy Sonderhüsken. Auch er arbeitet mit E-Books, allerdings in genau der Funktion, die die Self-Publisher umgehen: Sonderhüsken ist Programmleiter des jungen E-Book-Verlags dotbooks in München und entscheidet, welche Manuskripte dort veröffentlicht werden. »Self-Publishing ist eine ernst zu nehmende Option für Autoren, die keinen Verlag finden«, sagt Sonderhüsken. Aber dass die Verlagsbranche im Umbruch ist, liege nicht an Autoren, die in Eigenregie veröffentlichten, sagt er, »sondern an neuen Lesegewohnheiten und neuer Technik«.

Es sind die elektronischen Lesegeräte selbst, die die Verlagsarbeit verändern. Zwar bleibt die Hauptaufgabe von Lektoren weiterhin die Arbeit am Text, doch kommt beim E-Book Neues hinzu: Wie lässt sich der Text für die verschiedenen Reader-Geräte gestalten? Wie kann ein Verlag seine Autoren bei ihren Aktivitäten in Sozialen Netzwerken unterstützen? Das sind Fragen, mit denen sich der 42-jährige Sonderhüsken heute beschäftigt.

Im vergangenen Jahr hat er die große Verlagsgruppe Droemer Knaur verlassen, bei der er 14 Jahre lang Lektor und Programmleiter war, um bei dem Start-up dotbooks zu arbeiten, einem der ersten E-Book-Verlage Deutschlands, die nicht zu einem großen Verlagshaus gehören. Sonderhüsken wollte unter den Pionieren sein.

»Die etablierten Verlage setzen Mehltau an«, sagt er. Sie reagieren nicht oder zu wenig innovativ auf die Veränderungen in der Branche. Viele etwa bringen als E-Book nur heraus, was auch als Hardcover oder Taschenbuch Erfolg hatte. Dabei ist die elektronische Form ideal, um sich auch an Neues zu wagen, eingebettete Videos beispielsweise oder das Brechen der 200-Seiten-Regel – so lang sollte ein gedrucktes Buch mindestens sein. Im E-Publishing-Geschäft können auch einzelne Kurzgeschichten funktionieren. So wie man sich heute auch nur noch einzelne Songs herunterlädt statt ein ganzes Album.

Selbstvermarkter nutzen dieses Potenzial längst. Die Autorin Katja Piel etwa hatte mit ihrer E-Book-Fantasy-Serie The Hunter im Alleingang auf Amazon Erfolg. Gedruckt hätten sich die Geschichten über eine Geisterjägerin schwer verkaufen lassen, zu kurz sind die einzelnen Episoden. Für den schnellen Fantasy-Kick in der U-Bahn sind sie dagegen ideal.

Piel arbeitet hauptberuflich als Beraterin in der IT-Branche. Abends, wenn ihr Sohn im Bett ist, setzt sie sich an den Tisch und schreibt. Mit Beginn der siebten Folge erscheint ihre Serie nun jedoch nicht mehr als Eigenveröffentlichung, sondern beim Verlag dotbooks. »Ich möchte mich professionalisieren«, sagt Katja Piel. Denn obwohl die Zahl der Self-Publisher ständig größer wird, gelingt nur wenigen der Durchbruch. Das liegt daran, dass ihre Texte oft nicht gut genug sind. Ein Verlag hilft, die Geschichte voranzutreiben – ohne logische Brüche und ohne grammatikalische Patzer. Es liegt aber auch an den fehlenden Strukturen für Vertrieb und Marketing: Ein Buch im Alleingang zu vermarkten ist schwierig. Erfolg bleibt Glückssache.

Timothy Sonderhüsken erzählt, dass er inzwischen auch im Netz auf Autorenfang geht. Insgesamt gut 50 Blogger, Twitterer und Facebook-Schreiber hat der Lektor inzwischen angeschrieben. Die meisten konnte er allerdings nicht für den Verlag gewinnen. Einige wollten kein Buch schreiben, weil es sie zu viel Zeit gekostet hätte. Bei anderen reichten die Ideen nicht für einen längeren Text.

Nika Lubitsch erzählt in ihrer Wohnung in Berlin-Zehlendorf, dass sie Ideen hatte, aber keinen Verlag. Sie wollte Schriftstellerin werden, seit sie einen Füller halten konnte. Mit 26 schrieb sie ihren ersten Roman – er wurde von allen Verlagen abgelehnt. Statt Schriftstellerin wurde sie Partnerin in einer Werbeagentur. »Ich war erfolgreich«, sagt Lubitsch. »Aber mit dem Schreiben aufhören konnte ich nicht.« Sie schrieb Kurzgeschichten, Fragmente. 1999 beendete sie Der 7. Tag. Und fand wieder keinen Verlag. Die Urteile waren vernichtend: taugt nichts. Zu viele Rückblenden, zu journalistisch und dann auch noch die Ich-Perspektive. Das Manuskript blieb eine Datei auf ihrem Computer. Im Sommer 2012, 13 Jahre nachdem sie es fertig geschrieben hatte, sechs Monate nachdem sie einen E-Book-Reader zum Geburtstag bekam, sah Lubitsch eine Kindle-Werbung und erinnerte sich an die Passage über Self-Publishing in der Gebrauchsanweisung.

Als Versuchsballon lädt sie eine Sammlung von Kurzgeschichten hoch. Unter Pseudonym. Wer weiß schon, wie die Reaktionen sind. Aber dann werden die Kurzgeschichten von so vielen Menschen gelesen, dass Lubitsch in zwei Wochen 660 Euro verdient. Nun traut sie sich auch, ihren Roman hochzuladen. Ihr Marketing-Konzept: drei Tage umsonst anbieten, damit der Krimi in den Gratis-Charts sichtbar wird, dann für 2,99 Euro. 70 Prozent bekommt sie, 30 Prozent gehen an Amazon.

Nach einer Woche überspringt ihr Roman die drei Shades of Grey- Bände in den E-Book-Charts und landet auf Platz eins. Lubitsch hat den Erfolg, den ihr bis dahin nie ein Verlag zugetraut hatte – jetzt braucht sie keinen Verlag mehr. Auch ihr neues BuchDas 5. Gebot hat sie als E-Book ebenfalls selbst veröffentlicht, für eine Ausgabe als Taschenbuch hat sie eine Vereinbarung mit einem Verlag abgeschlossen, aber ihre Rechte an einen Verlag abtreten, wie es sonst üblich ist, möchte sie nicht. Sie setzt weiterhin auf das Self-Publishing bei Amazon. Das heißt aber auch: Lubitsch hat sich dem Internet-Giganten (ZEIT Nr. 35/12) verschrieben. Wer auf Amazon veröffentlicht, darf keine Plattformen von anderen Anbietern wie Hugendubel oder Weltbild nutzen.

Katja Piel, die Autorin der erfolgreichen Fantasy-Geschichte The Hunter, hat sich auch deshalb für einen Verlag entschieden.