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Erziehung: Die Lüge von den Helikopter-Eltern (Brigitte 8/2015)

Kinder werden heutzutage sehr behütet, verwöhnt und viel mehr als früher kontrolliert – stimmt das? Die Pädagogikprofessorin Sabine Walper sagt: Ja. Aber sie findet diese stärkere Fürsorge schlichtweg zeitgemäß

BRIGITTE: Frau Professor Walper, wären Sie heute gerne Kind?

SABINE WALPER: Das kommt natürlich auf das Land und auf die Familie an.

Sagen wir: in einer durchschnittlichen Mittelschichtsfamilie in Deutschland.

Ja, da wäre ich gerne Kind.

Was würde Ihnen denn gefallen?

Ich bin Jahrgang 1956, also zu einer Zeit aufgewachsen, als Ohrfeigen noch normal waren – zum Glück nicht in meiner Familie, aber in der Schule und in vielen anderen Elternhäusern. Da wurde mit Disziplin erzogen; Kinder sollten sich selbst im Griff haben und gehorsam sein. Heute orientieren sich Eltern viel stärker an den Bedürfnissen der Kinder.

Vielleicht ein bisschen zu sehr? Es gibt ja Experten, die sagen: Der Nachwuchs wachse in einem Schonraum auf.

Von einem Schonraum zu sprechen fällt mir schwer. Denken Sie nur an die schulischen Anforderungen.

Sprechen wir doch erst mal über die Eltern-Kind-Beziehung. Es geht mir vor allem um die Frage, warum eine Kindheit, wie die meisten unserer Generation sie hatten – ich selbst bin Jahrgang 1979 –, heute kaum noch möglich zu sein scheint.

Sie meinen damit wahrscheinlich das fröhliche Spielen auf der Straße? Sich draußen frei und unbeobachtet von Erwachsenen zu bewegen?

Ja, zum Beispiel.

Zunächst einmal: Mir greift der Fokus auf die Eltern-Kind-Beziehung zu kurz. Er blendet einen Teil der gesellschaftlichen Realitäten aus.

Nämlich?

Lassen Sie mich anders anfangen: Ja, die Fürsorge der Eltern hat zugenommen. Das ist aber nicht per se schlecht, ganz im Gegenteil. Und es geschah eben nicht im luftleeren Raum. Ein Beispiel: Es ist gerade einmal 50 Jahre her, da galten die ersten zwei Jahre eines Kindes noch als „dumme Jahre“. Ein Baby wurde sauber gehalten, gefüttert. Aber es tragen? Gemeinsam Laute einüben? Das war nicht das Elternprogramm. Studien zeigen aber deutlich: Kleinstkinder profitieren enorm von dieser Fürsorge. Dieses Wissen haben heute die meisten Eltern, und auch die Bedürfnisse älterer Kinder sind besser erforscht. Auch dadurch hat sich unsere Erziehungskultur verändert: Weg vom Befehl, hin zum Verhandeln und zu einer stärkeren Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder. Ein weiterer Teil unserer gesellschaftlichen Realität ist, dass Mütter heute nicht nur häufig arbeiten, sondern nach der Geburt auch früher an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Die Kleinstkind- und die Ganztagsbetreuung wurde deshalb ausgebaut – Kinder sind also tatsächlich stärker als noch vor wenigen Jahren „unter Beobachtung“.

Das erklärt aber nicht, warum Kinder auch zu Hause sehr umsorgt werden.

Doch, tut es. Eltern wollen heute bewusst Zeit mit ihren Kindern verbringen; auch das ist relativ neu. Weil dieser Zeitraum oft klar umrissen ist, wird ein Kind eben nicht sofort allein in den Hof geschickt, kaum dass Mama oder Papa es nach der Arbeit abgeholt haben…

…sondern Eltern und Kinder verbringen die Zeit gemeinsam.

Ja. Oder besser: auch. Denn natürlich wird beispielsweise ein Schulkind auch Freunde besuchen oder auf den Spielplatz gehen, und zwar allein. Was ich sagen möchte: Es ist nicht ein ausufernder elterlicher Kontrollwahn, der die Kindheit heute von der Kindheit in den 80er Jahren unterscheidet. Aber unsere Gesellschaft hat sich verändert und ist kindorientierter geworden.

Aber manche sagen: Mehr Freiheiten, aber auch mal Alleinsein oder weniger Förderung – das hat den Kindern der 80er Jahre auch nicht geschadet.

Als Wissenschaftlerin habe ich mit der Aussage „das hat uns auch nicht geschadet“ arge Probleme. Auch die Tracht Prügel wird so verharmlost. Was wir wissen: Menschen neigen dazu, die eigene Vergangenheit im Rückblick aufzuwerten; vielleicht wird auch deshalb die Kindheit in den 70er, 80er und 90er Jahren derzeit gefeiert. Wissenschaftliche Befunde sprechen aber sehr dafür, dass Kinder von Hinwendung und Förderung profitieren – mit der Einschränkung, dass dabei nicht zu viel Druck ausgeübt werden darf und ihre Autonomiespielräume nicht eingeschränkt werden. Und was im nostalgischen Rückblick oft vergessen wird: Der Vater war damals fast immer ein eher abwesender Vater. Kindern aber tut es gut, wenn sich beide Eltern um sie kümmern.

Es spiegelt also nicht die Realität, dass heutige Eltern einen übermäßigen Kult ums Kind machen?

Sie haben vermutlich die so genannten Helikopter-Eltern vor Augen, die ihre Kinder überfürsorglich kontrollierend umschwirren?

Ja. Eltern, die ihre Kinder in die Studienberatung begleiten, sie morgens fast bis ins Klassenzimmer fahren oder ein Kleinkind keine Tomate schneiden lassen, weil es sich verletzen könnte.

Ah, das sind gute Beispiele! Für die ersten beiden könnte es auch gesellschaftliche Ursachen geben. Dass Eltern mit in die Studienberatung kommen, ist tatsächlich neu; allerdings gab es früher auch kein G8 und damit keine minderjährigen Studierenden. Beide Eltern arbeiten, und weil morgens alle spät dran sind, wird das Kind auf dem Weg zur Arbeit vor der Schule abgesetzt. Und Ihr drittes Beispiel: Das allein ist kein „helikoptern“. Mit einem Messer schneiden muss eingeübt werden, alles andere wäre fahrlässig. Was mir auffällt: In Erziehungsdebatten wird mit Begriffen hantiert, es werden Eltern verantwortlich gemacht oder verunsichert – ohne dass klar ist, worüber man eigentlich spricht. „Helikoptern“ etwa bedeutet die Dauerüberwachung eines Kindes, dem angesichts seines Alters schon deutlich mehr Selbständigkeit zugetraut werden sollte. Das ist tatsächlich ein übergriffiges Verhalten, das vom Kind auch als übergriffig erlebt wird und das älteren Kindern tatsächlich sehr schadet. Diese Kinder dürfen nicht selbständig werden. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist das eine Katastrophe.

Für jüngere Kinder nicht?

Nicht in dem Ausmaß, nein. Wobei natürlich auch schon kleine Kinder ihrer Entwicklung entsprechend zur Selbständigkeit erzogen werden sollten. Ich würde aber gern noch etwas zum „Helikoptern“ sagen: Es ist ein sehr neues Phänomen und wissenschaftlich kaum erforscht. So gibt es beispielsweise keine wirklich belastbaren Zahlen.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, geht in seinem Buch „Helikopter-Eltern“ von etwa 10 bis 15 Prozent aus.

Das ist seine Schätzung. Selbst, wenn diese Zahl stimmt, würde es bedeuten: Fast 90 Prozent der Eltern tun das nicht. Ich warne davor, diesen Stempel pauschal heutigen Eltern aufzudrücken.

Ich glaube, wir sollten von dem Begriff „helikoptern“ wegkommen und darüber sprechen, was es mit unseren Kindern macht, wenn diese stärker als früher im Fokus der Eltern stehen.

Mehr Fürsorge ist zunächst etwas sehr Gutes, auch das frühkindliche Fördern, das zeigen alle Studien. Natürlich kann es aber ins Ungute kippen: in eine Überfürsorge, die dem Kind alle Freiräume nimmt und deshalb schadet. Wissenschaftlich sprechen wir dann von Überbehütung. Oder es geht um Verwöhnung, wenn Eltern ihrem Kind alles geben, ohne ihm auch etwas abzuverlangen.

Haben Sie dafür Beispiele?

Bringe ich meinem Kind den Apfelsaft oder holt es sich das Getränk selber? Binde ich die Schuhe oder macht das Kind das selber, sobald es das kann? Wobei Beispiele auch immer gefährlich sind: Wenn man mal die Schuhe bindet, weil es schnell gehen muss, oder dem Kind ein Getränk bringt, weil es müde von der Schule ist, ist das kein Verwöhnen. Ob es sich also um gute Fürsorge oder um schadendes Verwöhnen handelt, hängt vom Gesamtbild ab.

Wie finden Eltern das rechte Maß?

Indem sie die Kinder Aufgaben und Verantwortungen übernehmen lassen. Der alte Spruch „fordern und fördern“ stimmt schon. Damit ein Kind selbständig werden kann, müssen Eltern es Dinge tun lassen, die seinem Entwicklungsstand entsprechen – und diese dann auch einfordern. Sonst wird das Kind nicht gut durchs Leben kommen.

Das fällt heutigen Eltern schwer?

Einigen, ja. Was ich beobachte: Eltern übernehmen auch deshalb Aufgaben für ihre Kinder, weil das weniger anstrengend ist.

Wie bitte? Das verstehe ich nicht.

Seit in der Erziehung nicht mehr nur befohlen, sondern vor allem verhandelt wird, kann es einfacher sein, die Aufgaben des Kindes einfach selbst zu erledigen…

…anstatt fünfmal darum zu bitten.

Genau.

Macht dieses Bedürfnis aus unseren Kindern eine Generation unselbständiger Egoisten?

Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht. Ich bin aber auch da optimistisch. Teilen, für andere da sein – das sind schon Werte, die Eltern wichtig sind und die sie versuchen, zu vermitteln.

Was raten Sie Eltern?

Neben dem Fördern das Fordern nicht zu vergessen, auch im Bereich der Kooperation und Rücksichtnahme gegenüber anderen. Und: Man muss Kindern auch genügend Freiräume lassen. Als Eltern sollte man sich klarmachen: Die Kindheit heute ist eine andere als vor zwanzig oder dreißig Jahren, und sie muss auch auf veränderte Anforderungen im Erwachsenenalter vorbereiten. Die Fürsorge ist gestiegen, das kann zu Problemen führen. Das weit größere Problem sind aber Kinder, die vernachlässigt werden.

Ist das Phänomen der Helikopter-Eltern somit ein Luxusproblem einer ganz bestimmten Schicht?

In gewisser Weise ja. In Familien mit knappen Ressourcen, finanziellen Sorgen und existenziellen Belastungen besteht weniger das Risiko, dass Eltern in ehrgeiziger Überfürsorge nur um ihre Kinder kreisen.

Was macht die gestiegene Fürsorge eigentlich mit den Eltern?

Der Druck, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein, hat zugenommen. Eltern nehmen es heute fast als Pflicht wahr, den Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen und ihnen allerbeste Chancen bieten zu müssen.

Die gesellschaftliche Kontrolle ist größer geworden?

Ja, Eltern werden bewertet. Und sie bewerten sich selbst.

Und vernachlässigen dabei ihr eigenes Leben, weil plötzlich nur noch das Kind im Mittelpunkt steht.

Ja, diese Gefahr besteht durchaus, vor allem, wenn die Kinder noch klein sind. Insgesamt halte ich aber die Zahl der Eltern, deren einziger Lebensinhalt ihr Kind ist, für sehr überschaubar. Eltern haben selbst noch Eltern, sie haben einen Job, Freunde, machen Sport… Die Schwierigkeit heutiger Familien ist, dass sie alles unter einen Hut bringen wollen. Und zwar nicht nur okay, sondern in allen Bereichen sehr gut.

 

Erziehung: „Einfach Kind sein!“ (Die Zeit Wissen Ratgeber, 2013)

Erziehung: „Einfach Kind sein!“ (Die Zeit Wissen Ratgeber, 2013)

Selbst wenn Eltern ihre Kinder nicht wie Tiger Moms antreiben, entwickeln diese heute oft enorme Disziplin – und leiden darunter. Wie Eltern helfen können, den Druck zu reduzieren und einfach mal die Welt zu entdecken.

Das Mädchen schlief nicht mehr durch. Es lag nachts wach, grübelte, stand bei den Eltern im Schlafzimmer. Tagsüber sagte es Sätze wie: »Das Leben ist nicht mehr lebenswert.« Es fiel der 15-Jährigen immer schwerer, sich auf die Schule und ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinderpsychiatrie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, diagnostizierte eine Erschöpfungsdepression. Burn-out. Die Managerkrankheit, bei einer 15-Jährigen.  Ist unsere Kinderwelt so aus den Fugen geraten, dass jetzt schon Jugendliche vor Erschöpfung zusammenbrechen? Was ist da los?

Natürlich, Stress bei Kindern gab es schon immer. Aber die Ursachen haben sich gewandelt. War es vor ein paar Jahrzehnten noch die Angst vor Eltern oder Lehrern, die Kindern zusetzte (»Gibt es jetzt Prügel?«), oder die Sorge, nicht satt zu werden, spüren Kinder und Jugendliche heute den Druck der Leistungsgesellschaft. »Es ist eine Intensitätssteigerung, die wir bei Stress und psychischen Erkrankungen erleben«, sagt Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort. »Wir sind Teil einer durchökonomisierten Gesellschaft, alle stehen unter Erfolgsdruck. Das macht vor unseren Kindern nicht halt.«

In Zahlen liest sich das so: Ein Viertel der befragten Sieben- bis Neunjährigen fühlt sich oft oder sehr oft gestresst. Hauptgrund ist für jedes dritte Kind die Schule und dort insbesondere der Leistungs- und Erfolgsdruck, noch vor »Ärger und Streit« und familiären Problemen, wie eine Studie des Prosoz Instituts für Sozialforschung im Auftrag der Kinderschuhmarke Elefanten ergab. Schüler der Klassen 9 bis 13 haben im Schnitt eine 45-Stunden-Woche. Diese Zeit wenden sie allein für die Schule auf, Hobbys nicht eingerechnet. Das zeigte eine Online-Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks und der Organisation Unicef Deutschland.  Besonders beunruhigend: 23 Prozent der 11-Jährigen haben depressive Stimmungen, bei den 18-Jährigen liegt der Wert bei 33 Prozent. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg im Auftrag der Krankenkasse DAK. 83 Prozent der Münchner Gymnasiasten leiden mindestens einmal im Monat an Kopfschmerzen, jeder zweite hat Rückenschmerzen.  36 Prozent erzählten den Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians- Universität von innerer Unruhe. Einen Unterschied zwischen G-8- und G-9-Schülern konnten die Forscher übrigens nicht feststellen.

Es sind nicht automatisch die Eltern, die ihre Kinder in Tiger-Mom-Manier zu Höchstleistungen antreiben. Kinder und Jugendliche heute, sagt Michael Schulte-Markwort, seien so diszipliniert wie keine Generation vor ihnen. Inzwischen erlebt der Hamburger Psychiater, dass Eltern sogar versuchen, ihre Kinder zu bremsen.  Doch diese haben das Wesen unserer Leistungsgesellschaft längst verinnerlicht, oft auch schon zu lange danach gelebt – mit den Eltern als Vorbild. Die Folge: Termindruck und Stress, Unruhe und Angst vor der Zukunft.  Unsere Kinder, am Anfang des Lebens schon am Ende?

Auch wenn die angeführten Studien auf den ersten Blick diesen Eindruck erwecken mögen: Experten sehen das sehr viel differenzierter. »Kinder und Jugendliche sind heute insgesamt gesünder als noch vor wenigen Jahrzehnten«, sagt der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster (Wie Kinder heute wachsen, mit Gerald Hüther; Beltz Verlag; 262 Seiten, 17,95 Euro).  Auch der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort beruhigt: Eltern sind heute hellhöriger, auch deshalb haben psychische Krankheiten den Statistiken nach zugenommen. »Vor 25 Jahren habe ich kein Kind nach Hause geschickt. Wer zu uns kam, war behandlungsbedürftig«, sagt Schulte-Markwort. Heute klopfen Familien glücklicherweise früher bei Ärzten und Experten an und fragen um Rat.  Deshalb können kranke Kinder rechtzeitig behandelt werden, und längst nicht alle, die sich an Therapeuten wenden, brauchen wirklich professionelle Hilfe wie das 15-jährige Mädchen mit Burn-out. Auch weil es Möglichkeiten gibt, Stress zu reduzieren, bevor er krankhaft wird. Das gelingt aber nur, wenn auch die Eltern über ihr Leben und ihre Gewohnheiten nachdenken.  Denn Stress kann sich von den Eltern aufs Kind übertragen.  Das zeigt sich bei Babys besonders deutlich: Es ist der Stress der Eltern, der ihnen zusetzt. Acht bis 15 Prozent der Mütter leiden unter einer postpartalen Depression – Stress pur für die Kleinsten, für die ihre Mütter nicht mehr ausreichend sorgen können. Das Problem: Eine postpartale Depression muss behandelt werden, wird aber von der engen Familie oft als »Babyblues« abgetan, durch den man »halt durchmuss«. Warnzeichen sind Traurigkeit und Erschöpfung, im Zweifel sollte eine betroffene Mutter – oder auch ein Vater – mit diesen Symptomen unbedingt mit einem Arzt oder der Hebamme sprechen.

Kleinkinder erleben manchmal Stress, wenn sie in die Kita gehen und so vorübergehend von den Eltern getrennt sind. Ein Team um die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert untersuchte das Stresshormon Cortisol im Speichel von Kitakindern.  Die Werte waren teilweise leicht erhöht, blieben aber innerhalb der normalen Variationsbreite. Kinder sollten trotzdem sehr behutsam an Krippe, Kita oder Tageseltern gewöhnt werden. Eine kindgerechte Eingewöhnung dauert zwischen zwei und sechs Wochen, das Tempo bestimmt das Kind. Entscheidend ist, dass Kinder verlässliche Bezugspersonen haben, in der Fremdbetreuung und zu Hause. Der Kitabesuch ist übrigens vergleichbar mit einem Erwachsenenjob:  Selbst wenn wir unseren Beruf mögen und gern arbeiten, brauchen wir nach Feierabend Ruhe und Entspannung. Eltern sollten deshalb mit ihren Krippekindern nicht sofort zum nächsten Termin hetzen.Um Bindung und Geborgenheit zu erhöhen, empfiehlt Herbert Renz-Polster bewusst gemeinsam verbrachte Zeit, die nicht von außen durch Anrufe, E-Mails oder Besuche gestört wird, und feste Rituale, beispielsweise beim Einschlafen.

Der größte Stressfaktor für Kinder ist die Schule. Der Druck beginnt in der Grundschule, meist ab der zweiten Klasse. Michael Schulte-Markwort erzählt, dass dann bereits Eltern zu ihm kommen, die wissen wollen, ob ihr Kind es aufs Gymnasium schaffen wird. Die Lösung? Schwierig. Eigentlich brauchten wir ein anderes Schulsystem, eines, das auf Kinder wirklich individuell eingeht, weniger auf Noten abzielt als vielmehr das berücksichtigt, was Einzelne leisten können. Klassen, in denen jeder nach seiner Geschwindigkeit lernen könne, wären ein erster Schritt, notwendig wäre aber mindestens eine Entrümpelung der Stundenpläne, sagen der Kinderarzt und der Kinderpsychiater übereinstimmend.

Weil sich das Schulsystem wohl vorerst nicht ändern wird, raten die Forscher Eltern, ihrem Kind ein wenig den Druck zu nehmen, indem sie ihr Kind so nehmen, wie es ist. Kinder sind nicht faul. Sie sind von Haus aus neugierig und wollen gut sein.  Das ist auch der Punkt, an dem Eltern ansetzen können: Ihre Kinder dort stärken, wo sie Stärken haben. Wobei das nicht meint, das Kind mit Lob zu überschütten. Denn dann definiert es sich über dieses Lob, beispielsweise für gute Noten. Das erhöht den Stress: Das Kind möchte gut sein. Aber für Mama und Papa.  Hinter Schulstress verbergen sich in vielen Familien Terminstress und der Wunsch nach Perfektion.  Der neue, der moderne Stress also. Dieser trifft aber auch schon die Allerkleinsten, die noch keine Schule besuchen.  Stress überträgt sich von den Eltern aufs Kind. Sind Babyeltern gehetzt, reagiert ihr Kind mit Unruhe und Gequengel.

Ein typischer Tagesablauf aus Elternsicht:  Mama und Papa rasen zum Förderprogramm Pekip und zur Babymassage, sie holen Schulkinder aus Musikkursen, bringen sie zum Sport und zu Freunden, helfen bei den Hausaufgaben und beim Lernen.  Dazwischen arbeiten sie, trainieren ihre eigenen Muskeln, pflegen Haushalt und Freunde und manchmal noch die Partnerschaft.  Schulkinder und Jugendliche spüren nicht nur diesen Stress der Eltern, sie leben sehr oft schon selbst so. Dann wird es Zeit, den durchgetakteten Tagesablauf zu entrümpeln.  Nur auf die Termine der Kinder zu schauen greift dabei zu kurz – selbst dann, wenn vielleicht nur das Kind über typische Stresssymptome wie Unruhe, Schlafprobleme oder Niedergeschlagenheit klagt und die Eltern für sich das Gefühl haben, gut klarzukommen. Erstens orientieren sich Kinder an ihren Eltern und imitieren diese. Mama steht ständig unter Strom? Dann kann das so schlecht nicht sein. Zweitens brauchen Kinder Geborgenheit und das Gefühl, dass ihre Eltern in bestimmten Momenten wirklich nur für sie da sind. Schielen Eltern beim gemeinsamen Spielen beispielsweise ständig auf ihr Smartphone oder kommen zum Familienessen regelmäßig zu spät, beziehen Kinder das auf sich.  Der Schlüssel für mehr Entspannung im Familienalltag heißt Achtsamkeit. Was brauche ich? Was brauchen die anderen in unserer Familie? Manchen hilft Yoga, andere wollen abends eine halbe Stunde lang für sich sein. Michael Schulte-Markwort, der Kinderpsychiater, schaut den Terminplan seiner Patienten-Familien danach an, was Spaß macht und guttut.  Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster sagt: »Eltern müssen darüber nachdenken, wie viel Kindheit ihre Kinder brauchen.« Damit meine er nicht das behütete Trampolinspringen im Garten oder bewachte Spielplatzbesuche. Sondern Abenteuer, Spiel und Freiheit. »Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder die Sicherheit verlässlicher Beziehungen«, erklärt der Kinderarzt. »Sie müssen aber selbst die Welt erobern.«

Dieses Loslassen falle Eltern schwer. Doch genau das ist es, was Kinder stark und selbstständig macht – ein guter Schutz gegen Stress, der oft auch aus Überforderung und Angst entsteht. Und wer seine Kinder nicht überbehütet, hat wieder mehr Raum für sich. Die eigenen Wünsche werden nicht automatisch hinter die der Kinder gestellt. Diese lernen so, dass Neinsagen eine Option ist und dass auch sie selbst auf ihre Grenzen achten dürfen.  Der Satz »Ich brauche eine Pause« gehört ins Familien-Repertoire.  Zeitweise unter erhöhter Spannung zu stehen gehört übrigens auch bei Kindern und Jugendlichen zum Leben und fördert oft sogar die Entwicklung. Erst dauerhafter Stress kann schaden. Warnzeichen bei Kindern sind: Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, stark wechselnde Stimmungen, Niedergeschlagenheit.  Eltern kleiner Kinder können darauf achten, welche Bilder ihre Liebsten malen. Bei älteren, was diese sagen.  Natürlich ist in der Pubertät das Leben auch mal blöd – sagt dies ein Jugendlicher aber regelmäßig, sollten Eltern hellhörig werden und im Zweifelsfall mit Experten sprechen. Gute Anlaufstellen sind neben Ärzten Erziehungsberatungsstellen.

Bei der 15-Jährigen mit Burn-out war die Erschöpfungsdepression so stark, dass sie zeitweilig Medikamente bekam. Darüber hinaus halfen ihr eine Lichttherapie und ein aufmerksamer Umgang mit sich selbst. Ihr Leben heute ist weniger durchgetaktet und lässt ihr mehr Zeit für Muße.  Das gilt auch für ihre Eltern. Einfach mal nichts tun, spontan entscheiden – diesen Luxus kannte die Familie kaum. Heute genießt sie ihn.

Einschulung: „Die erste Reifeprüfung“ (Die Zeit Schule & Familie, 2010)

Einschulung: „Die erste Reifeprüfung“ (Die Zeit Schule & Familie)

Mit fünf, sechs oder sieben? In welchem Alter ist ein Kind stark und schlau genug für die Schule? Der Trend zur frühen Einschulung verunsichert Eltern und überfordert Schulen und Lehrer

Victoria kam Anfang Februar zur Welt. »Ich weiß noch, wie ich zu meinem Mann gesagt habe: Na, zumindest um ihre Einschulung müssen wir uns keine Gedanken machen«, erzählt Sonja Schoenle. In ihrem Bekanntenkreis – der auch aus Eltern mit älteren Kindern besteht – war die Frage nach dem besten Zeitpunkt für die Einschulung damals das große Thema. Sollen wir unser Kind noch ein Jahr im Kindergarten lassen? Oder es früh in die Schule geben? »Dass mein Mann und ich das auch einmal entscheiden müssen, damit hatte ich nicht gerechnet «, sagt Schoenle.  Denn ihre Tochter Victoria ist deutlich nach dem sogenannten Stichtag geboren – dem Tag, der in Deutschland über die Einschulung entscheidet. Der Termin variiert wie die Ferien von Bundesland zu Bundesland.  Victoria lebt in Poing bei München, bei ihr war der 30. November der Stichtag. Wäre sie im Dezember sechs Jahre alt geworden, wäre sie ein »Kann-Kind«.  Kann-Kinder können auf Antrag der Eltern eingeschult werden – wenn die Schule zustimmt. Wer wie Victoria noch später geboren ist und trotzdem schon eingeschult werden möchte, muss einen Test beim Schulpsychologen absolvieren.  Doch wann ist die Schule der richtige Ort für ein Kind? Die Verunsicherung unter den Eltern ist groß. Schuld sind neue Studien – und die Politik. Mitte des vergangenen Jahres forderte Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Kinder bundesweit früher einzuschulen:  Die gemeinsame Lernzeit von Kindern solle mit vier statt mit sechs Jahren beginnen, sagte die Ministerin. Kurze Zeit später war davon keine Rede mehr.  Im Bundesland Berlin hatte es bereits zum Schuljahr 2005/06 einen Vorstoß in diese Richtung gegeben. Die Einschulung wurde vorverlegt: Alle Kinder mussten mit fünfeinhalb zur Schule, ein Zurückstellen war nicht möglich. Es stellte sich heraus, dass für manche Erstklässler die Schule eine Überforderung war. Im Kindergarten wären sie für ein Jahr noch besser aufgehoben gewesen.  Also wurde die Regelung nach drei Jahren wieder aufgeweicht.  Berliner Eltern können sich nun wieder dafür entscheiden, ihr Kind mit sechs Jahren einzuschulen.  Die neue Debatte um das perfekte Schulalter war eine der Konsequenzen aus den internationalen Schulvergleichstests wie Pisa und Timss. Bildungsforscher beklagten, dass deutsche Kinder im Durchschnitt erst mit fast sieben Jahren in die Schule kamen. Grund dafür war eine viel zu hohe Anzahl zurückgestellter Kinder. So wurden 1995 noch 8,4 Prozent aller schulpflichtigen Kinder zurückgestellt und nur 2,5 Prozent vorzeitig eingeschult. Der Trend drehte sich, auch angeheizt durch neue Ergebnisse von Hirnforschern, die Eltern erklärten, bestimmte Lernfenster ihrer Kinder könnten bei einer zu späten Einschulung bereits wieder geschlossen sein. Die Schultüten wurden nun früher gebastelt. Im Jahr 2004 lag die Früheinschuler-Quote schon bei 9,1 Prozent.  Studien zeigen inzwischen aber auch, dass vorzeitig eingeschulte Kinder nach der Grundschule seltener aufs Gymnasium wechseln. Laut einer Untersuchung des Zentralinstituts für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim ist die Wahrscheinlichkeit um etwa ein Drittel geringer als bei regulär eingeschulten Kindern.  Zudem fanden internationale Studien heraus, dass »Frühchen « eher Opfer von Gewalt oder Mobbing werden.  Also doch besser länger spielen anstatt früher lernen? »Jedes Kind ist anders«, sagt der Grundschulexperte Hans Brügelmann von der Universität Siegen. »Prognosen sind da außerordentlich schwierig.« Brügelmann rät den Eltern, vor allem auf die eigene Tochter, den eigenen Sohn zu hören. »Ich persönlich würde mein Kind weder früher einschulen noch zurückstellen – es sei denn, es sprechen sehr gewichtige Gründe dafür.« Als Victoria mit 14 Monaten in die Krippe kam, war sie groß für ihr Alter und wurde schnell selbstständig. Das merkten auch die Erzieher: Victoria war noch keine vier, als sie in die »grüne Gruppe« wechselte, die Vorstufe der Vorschule an ihrem Kindergarten. Eigentlich sollte sie danach zwei Jahre in die Vorschule gehen – doch die Erzieher rieten schon nach dem ersten Vorschuljahr zum Start ins Schulleben.

Simone Fleischmann ist Rektorin an Victorias Grundschule.  Sie sagt, dass Eltern, die zweifeln, gut daran tun, auf solche Ratschläge einzugehen. »Am wichtigsten ist die Meinung der Erzieher im Kindergarten.  Sie sehen die Kinder jeden Tag und erleben sie in besonderen Situationen, die Eltern vielleicht nicht kennen: in der Gruppe, beim Lösen von Konflikten beispielsweise. « Dass Eltern ihre Kinder überschätzen, sie früh in die Schule schicken wollen, um den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen, wie ihnen manchmal unterstellt wird – das erlebt Fleischmann selten. Eher würden die Kinder geschont.

Ob ein Kind die kognitive, soziale und emotionale Reife besitzt, um zur Schule zu gehen – das testet jede Schule anders. Ein allgemeingültiges Verfahren gibt es nicht. In Poing besuchen die Lehrer den Kindergarten und machen mit den Vorschulkindern ein Schulspiel.  Anderswo kommen die Kinder dafür in die Grundschule. Auch die Fragen und Aufgaben variieren.  Einheitlich sind nur die Einschulungsuntersuchungen, die von den Gesundheitsämtern durchgeführt werden: Schulärzte überprüfen, ob sich ein Kind auf eine Aufgabe konzentrieren kann, ob die geistigen und sprachlichen Fähigkeiten seinem Alter entsprechen. Auch Größe und Gewicht werden gemessen sowie Seh- und Hörsinn untersucht.  Victoria Schoenle bestand alle Tests zur Schulreife. Das genügte der Schulleiterin. Seine Eltern überzeugte das Mädchen vor allem durch seine Willensstärke, indem es ihnen deutlich sagte: »Ja, ich will zur Schule. «

Auch bei Familie Baier aus Langenau in Baden-Württemberg machte der Sohn Druck: Der damals fünfjährige Markus wollte nicht länger ein Kindergartenkind sein (siehe Seite 16). »Wir sollten immer spielen, aber das wollte ich nicht mehr«, beschreibt Markus die Langeweile im Kindergarten. Die Mutter schlug dem Jungen vor, dass sie ihm doch einiges zu Hause beibringen könne, doch Markus wollte in die Schule.  Die aber hatte längst begonnen, die Sommerferien waren vorbei.  Der Junge zeigte der Rektorin in einem Test, was er alles konnte, und wurde mitten im Schuljahr aufgenommen.  Heute ist er sieben und schon ein Drittklässler.  Er ist der beste und schnellste Leser in seiner Klasse. »Mir ist egal, dass ich jünger bin«, sagt Markus. Aber er merke schon, dass die anderen einfach größer sind, vor allem im Sport. In einem Jahr wird es für Markus bereits um den Übergang aufs Gymnasium gehen, dann wird der Druck zunehmen. »Da fragen wir uns natürlich, wie das für Markus sein wird«, sagt seine Mutter.  Bei kleineren, eher schüchternen und stillen Kindern rät Hans Brügelmann, besonders genau hinzuschauen. Eltern sollten sich fragen, was passiert, wenn das Tempo angezogen wird, und ob sie ihren Kindern die härtere Gangart dann noch zutrauen.  Aber können Eltern denn selbst überprüfen, ob ihr Kind schon stark und schlau genug für die Schule ist?

Eine Checkliste zum Abhaken gebe es nicht, sagt die Rektorin Simone Fleischmann.  Der Grundschulexperte Hans Brügelmann nennt jedoch zwei Punkte, die Eltern helfen könnten, besser einzuschätzen, ob ihr Kind gute Chancen hat, in der Schule klarzukommen. Erstens, den Willen und das Können des Kindes: Will es zur Schule gehen? Wie selbstständig ist es im Alltag? Zählt es beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel noch alle Felder einzeln ab?  Erkennt es seinen Namen wieder, wenn der irgendwo geschrieben steht? Das zweite Kriterium ist das soziale Netz:  Kommen auch Freunde in die Schule? Wie ist das Kind im Umgang mit anderen? Eher gehemmt und zurückhaltend?  Oder kann es sich behaupten, ist selbstbewusst und kommt mit kleinen Niederlagen klar? »Was mich wirklich ärgert, ist, dass wir immer von der Schulfähigkeit des Kindes reden «, sagt Brügelmann. »Dabei ist die Kindfähigkeit der Schule noch wichtiger.« Er rät, die Schule genau unter die Lupe zu nehmen, vor allem hinsichtlich des Umgangs mit früh eingeschulten Kindern: Sind die Lehrer »Frühchen« gegenüber aufgeschlossen? Gibt es eine flexible Schuleingangsphase wie beispielsweise in Berlin?  Dort wird der Unterricht in den ersten zwei Grundschulklassen jahrgangsübergreifend organisiert – schnellere Schüler schaffen die Phase in einem Jahr, langsamere haben bis zu drei Jahre Zeit (siehe Seite 26).

So eine Schuleingangsphase hätte sich Familie Wagner aus Hamburg, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, auch gewünscht.  Jana, die Tochter, wurde mit fünfeinhalb eingeschult.  Sie war groß für ihr Alter und beim Spielen immer bei den Älteren dabei. Im Unterricht aber quälte sich Jana. »Es hieß sofort: Die ist ja auch so jung. Und nicht: Was können wir machen, damit es leichter wird für Jana?«, erinnert sich ihre Mutter. Mitte der zweiten Klasse entschieden Eltern und Lehrer, dass das Mädchen wiederholt. »Sie brach richtig zusammen.  Jana hatte ja Freunde in der Klasse und war beliebt.« Trotzdem sei das Wiederholen richtig gewesen. Jana kommt jetzt gut zurecht in der Schule.  Familie Wagner aber ist gebrannt. »Ich möchte bloß nicht noch mal einen Fehler machen «, sagt die Mutter. Ihren jüngsten Sohn wird sie wohl noch ein Jahr länger im Kindergarten lassen. »Das Bauchgefühl ist sicherlich ein guter Ratgeber«, sagt die Schulleiterin Simone Fleischmann. »Es kann aber nur ein Mosaikstein sein.« Sie fordert Unterstützung für die Grundschulen und vor allem mehr Lehrer: »Anders können wir nicht jedem einzelnen Kind gerecht werden.« Und das sei doch vor allem bei den Jüngeren ganz entscheidend.