Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Sterbehilfe: Darf man einen Menschen zwingen, schlimmste Schmerzen zu erdulden? (Brigitte 8/2014)

Eine Frau hat schweren Krebs. Nichts wird ihr Leid mehr lindern, sagen die Ärzte. Nur der Tod. Eine Geschichte über den Sinn von Sterbehilfe

Diese Geschichte könnte so anfangen: Monika Prause starb am 8. Juni 2013. Zwei Wochen früher wäre ihr lieber gewesen. Aber da war kein Termin mehr frei. Oder sie könnte so anfangen: Monika Prause starb friedlich und ohne sichtbare Schmerzen. Volker, ihr Mann, hielt sie im Arm. Die beiden Söhne, Henrik und Marten, saßen am Fußende. Oder sie könnte so anfangen: Als Monika Prause leidensmüde war, spielte sie Gott. Sie bestimmte den Zeitpunkt ihres Todes selbst.

Worte sind mächtig. Sie entscheiden darüber, wie wir eine Geschichte verstehen. Welche Worte soll man gebrauchen für den Weg, den Monika Prause gegangen ist? Selbstmord? Mord? Oder ist sie an ihrer Krebserkrankung gestorben? Korrekt und in der Sprache der Juristen heißt es „Beihilfe zum Suizid“. Im Alltag sprechen wir von Sterbehilfe.

Monika Prause, schwerst krebskrank, ging zum Sterben in die Schweiz; das ist nun fast ein Jahr her. Sie legte sich auf eine weiße Plastikliege, wie es sie in jedem Baumarkt gibt. Die Liege stand im Garten eines Einfamilienhauses am Zürcher Stadtrand, in einem Industriegebiet, am Himmel donnerten Flugzeuge. Monika Prause trank 15 Gramm Natrium-Pentobarbital. Das ist ein Schlafmittel, in dieser Konzentration tödlich. Das Medikament übergaben ihr ein Mann und eine Frau, zwei Mitarbeiter der Schweizer Organisation Dignitas.

Verschrieben hatte das Mittel ein Schweizer Arzt. Hätte das ein Mediziner in Deutschland getan, er hätte wohl seine Approbation, also seine Zulassung, verloren.

Ist es gut, dass Ärzte bei uns keine Beihilfe zum Suizid leisten dürfen? Wie sollen wir mit Schwerstkranken umgehen, die nicht mehr leben wollen? Ignorieren, in die Schweiz schicken?

Diese Fragen sind seit wenigen Wochen wieder hochaktuell. Das belgische Parlament stimmte für ein Gesetz, das Sterbehilfe bei Kindern und Jugendlichen erlaubt. In den Niederlanden eröffnete eine Lebensende-Klinik; über das Krankenhaus lassen sich auch mobile Sterbehilfe-Teams anfordern. Auch 66 Prozent der Deutschen befürworten laut einer aktuellen Umfrage der „Zeit“ die aktive Form von Sterbehilfe. Doch bei uns und in den meisten anderen Ländern ist es verboten, dass Ärzte Patienten eine tödliche Medikamentendosis verabreichen. Das gilt auch für die Schweiz. Beihilfe zum Suizid jedoch ist dort möglich. Gesundheitsminister Hermann Gröhe plant derzeit ein Gesetz, das jede Form der organisierten Selbsttötungshilfe, wie etwa Dignitas sie betreibt, in Deutschland verbieten soll (Begriffserklärung und Rechtslage siehe Kasten Seite 159).

Das ist die Theorie. Die Realität beginnt beispielsweise an einem Tag im April 2013, in Darmstadt. Monika Prause schiebt ihr rotes Fahrrad aus der Garage, ein Geburtstagsgeschenk ihres Mannes. Sie liebt den Weg zur Arbeit. Die frische Luft, der Geruch der Blätter jetzt im Frühling. Monika Prause ist 58 Jahre alt, Inhaberin eines Buchladens, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, Henrik, 35, und Marten, 33. Noch ein paar Jahre möchte sie arbeiten, dann eine Nachfolgerin suchen. Ihr Mann Volker ist schon im Ruhestand; er renoviert das Haus seiner Eltern. In wenigen Wochen werden die Prauses dort einziehen. Abends regnet es. Monika nimmt den Bus. Als sie ihr Rad auf den Bordstein hievt, knackt ihr Rücken. Die Schmerzen sind heftig.

Volker Prause: Hexenschuss. Das waren meine Gedanken.

Es ist kein Hexenschuss, sondern Krebs, der sich in Monikas Wirbelsäule gefressen hat. Sie wird brechen, sagen die Ärzte. Nicht ob, sei die Frage, sondern wann.

Darmstadt, Ende Januar 2014: Volker Prause, 61 Jahre alt, Jeans, Hemd, schwarze Weste, geht im Esszimmer auf und ab, auf und ab. Wie ein Tiger im Käfig. Das Croissant auf dem Tisch ist unberührt, die Kaffeetasse leer. An den Fenstern hängen Vorhänge, türkis und orange. Acht Wochen nach Monikas Tod zog Volker in das Haus seiner Eltern. Allein. „Scheiße ist das“, sagt Volker Prause. Scheiße wird er noch oft sagen in diesem Gespräch. Das passt eigentlich nicht zu ihm. Er ist zuvorkommend, höflich. Und dann immer wieder: scheiße. Volker Prause bleibt stehen, zündet sich eine Zigarette an. Dann geht er wieder. Auf und ab. Auf und ab.

Nach der Diagnose der Ärzte gab es drei Optionen. Erstens: operieren. Die Wirbelsäule stabilisieren. Allerdings war das Risiko, bei dieser OP querschnittsgelähmt zu werden, hoch. Und selbst wenn die Operation geglückt wäre – der Krebs wäre noch da gewesen. Er hatte bereits gestreut und hätte nicht sofort behandelt werden können. Zweitens: warten, bis die Wirbelsäule bricht. Ein Palliativteam klärte Monika auf. Sie gaben ihr einen Plastikbeutel mit Medikamenten. Ab da war immer jemand bei Monika, denn sie hätte die Medikamente nicht selbst nehmen können. Die Schmerzen wären zu stark gewesen. Man hätte sie wohl ins künstliche Koma versetzt, mindestens ein paar Tage. Drittens: die Schweiz. „Ich gehe in die Schweiz“, sagte Monika direkt nach der Diagnose. Danach redeten Monika und Volker. Nur die beiden, zwei Tage lang. Als sie die Familie informierten, war die Entscheidung gefallen. „Ich gehe in die Schweiz“, sagte Moni zum zweiten Mal.

Wir leben in einer Welt, die auf Höchstleistung ausgerichtet ist. Wir wollen nicht gut sein, sondern perfekt. Unser Körper soll funktionieren. Sind wir feige? Nicht mehr bereit zu ertragen, was doch auch zum Leben gehört, Schmerzen und Leid? Darf man das: den Todeszeitpunkt selbst wählen, weil man Angst hat vor dem, was kommen wird?

Volker Prause: Meine Gegenfrage ist: Darf man einen Menschen zwingen, schlimmste Schmerzen zu erdulden? Wenn es einen anderen Weg gibt und man weiß, dass er eh sterben wird? Es gab bei Moni keine Hoffnung. Moni fragte alle Ärzte, ob sie – wären sie an ihrer Stelle – die OP machen würden. Keiner nickte. Sie erzählte von der Schweiz. Keiner sagte: Machen Sie das nicht. Moni war immer sehr klar. Mich hat ihre Entscheidung nicht überrascht. Wir haben zwar nie direkt über Sterbehilfe gesprochen. Aber es war auch nicht das erste Mal, dass wir mit dem Tod konfrontiert wurden.

Monika Prause ist 35 Jahre alt, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wird. Sie verliert beide Brüste, gilt aber als geheilt. Zehn Jahre später jedoch kommt der Krebs wieder. Morgens geht Monika nun zur Bestrahlung, nachmittags steht sie im Buchladen.

Volker Prause: Moni und ich haben zwanzig Jahre gegen den Krebs gekämpft. Natürlich spricht man über den Tod und darüber, was der andere will. Abhängig sein, dahinsiechen – das wollte Moni nicht. Ich hätte es egoistisch gefunden, hätte ich Moni zu der OP gedrängt oder dazu, auf den Bruch zu warten. Dass wir Moni in die Schweiz begleitet haben, sehe ich als letzten Liebesdienst. Die Entscheidung mittragen heißt aber nicht, sich die Entscheidung leicht machen. So eine Entscheidung macht sich niemand leicht. Niemals.

Volker und seine Söhne sprachen mit Ärzten, Jugendfreunden, Studienkollegen. Ein Freund von Henriks Frau Julia ist Onkologe.

Henrik Prause: Es war nicht so, dass wir gesagt haben: Ja, klar, die Schweiz. Mach das. Natürlich hofft man auf ein Wunder, redet, sucht, recherchiert. Aber es gab kein Wunder. Also haben wir entschieden, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen. Meine Meinung heute: Dieser Weg sollte uns in Deutschland offen stehen. Kontrolliert und begleitet, eben wie in der Schweiz. Dort entscheidet ein Ärztegremium. Es gibt zwei persönliche Arzttermine. Es ist ja nicht so, dass man sagt, ich will nicht mehr, bitte gebt mir was, und fertig ist die Kiste. Für mich war einer der schlimmsten Augenblicke, als ich kapierte, dass uns kein Arzt in Deutschland helfen wird. Zusammen mit meinem Bruder habe ich überlegt: Besorgen wir Heroin? Aber wo bekommen wir das her? Wie viel brauchen wir, damit Mama sicher stirbt? Ein Mensch ist doch kein Versuchskaninchen.

Die Tage nach Monikas Entscheidung sind wie im Nebel. Unwirklich. Auch unwirklich schön. Volker und Monika, Henrik und Marten, Julia und Geri. Das Paar, die Söhne, ihre Partnerinnen. Das ist der Sechsklang dieser Zeit. Der Abschied wäre so oder so gekommen. Die Prauses gestalten ihn bewusst. Sitzen im Garten. Auf der weißen Couch im Wohnzimmer. Einmal fahren sie noch auf die Burg Frankenstein, genießen den Ausblick. Viel geht nicht mehr. Im Hausgang steht jetzt ein Rollstuhl. Auch wenn Monika kaum etwas anzusehen ist: Die Gefahr, dass die Wirbelsäule bricht, ist immer da. Ein Damoklesschwert. Aber eins, das fallen wird. Fällt es zu früh, wäre eine Reise in die Schweiz nicht mehr möglich.

Volker Prause: Wir mussten Monika ja selbst hinbringen. Nach einem Wirbelsäulenbruch, mit den Schmerzen, wäre das nicht mehr gegangen. Davor hatte Monika wahnsinnige Angst.

Heißt das nicht, dass in Deutschland schlicht die Palliativmedizin ausgebaut werden müsste? Dass wir schwerstkranke Menschen beim Sterben begleiten, ihnen die Angst und selbstverständlich die Schmerzen nehmen sollten?

Volker Prause: Ich kann es nicht mehr hören. Mich macht das wütend. Natürlich ist die Palliativmedizin gut; sie kann vielen beim Sterben helfen. Aber warum wird Leiden als notwendig gesehen? Wenn jemand sagt, ich möchte so nicht leben oder sterben, also etwa bis zum Kopf gelähmt, abhängig von Apparaten und anderen Menschen, warum nehmen wir das nicht als freie Willensäußerung, der wir Folge leisten müssen?

Monika drängelt. Der frühestmögliche Sterbetermin ist der 8. Juni 2013. Zwei Wochen früher wäre ihr lieber gewesen.

Volker Prause: Ich habe alles organisiert. Bei Dignitas angerufen, Arztbriefe in die Schweiz geschickt, ein Hotel gebucht, Termine vereinbart. Es fühlt sich an, als sitze deine Frau in der Todeszelle, und du bist der Henker. Aber ich habe gesehen, wie viel Kraft ihr das gab. Zu wissen, dass sie so sterben darf. Wir konnten Abschied nehmen.

Kritiker fürchten, die Sterbehilfe könne missbraucht werden. Menschen könnten sich genötigt fühlen, den Tod zu wählen, um niemandem zur Last zu fallen. Man könnte alte Menschen loswerden. Und was ist mit den so genannten Sterbehilfe- Organisationen? Bereichern sich diese am Tod? Denn die Beihilfe zur Selbsttötung kostet. Das Schlafmittel und der Besuch bei den Schweizer Ärzten können nicht mit der Krankenkasse abgerechnet werden. Ist das bereichern?

7. Juni 2013: Für die Fahrt in die Schweiz leiht Volker den VW der Nachbarn. Monis orangefarbener Mini mit dem Anti-Atomkraft-Aufkleber ist zu klein und unbequem. Volker stellt Monikas Sitz weit nach hinten. Am Abend, im Hotel, treffen sie Henrik und Marten, die mit dem Flugzeug gekommen sind. Nach dem Essen gehen die Eltern in ihr Zimmer, die Kinder in die Bar. Am nächsten Morgen drehen alle eine Runde am See, Monika im Rollstuhl. Dann fahren sie ins Zürcher Industriegebiet. Das Haus ist hässlich. Aber die Sonne scheint. Sie können in den Garten. Monika will von den Dignitas-Mitarbeitern wissen, warum sie das machen, tödliche Medikamente an fremde Menschen verteilen. Volker lacht, als er das erzählt. „Monika war menschenlieb und neugierig.“ Sie muss Papiere unterschreiben. Mehrmals wird Monika gefragt, ob es wirklich ihr freier Wille ist, zu sterben. Ihr „Ja“ ist klar.

Volker legt sich mit Monika auf die Liege, die beiden Söhne sitzen am Fußende. Das Schlafmittel wirkt innerhalb von Sekunden. Monikas letzte Worte: „Er muss ja nicht schwarz sein, der Engel. Es kann ja auch ein weißer Engel sein.“

Volker Prause: Moni ist im Kreis ihrer Familie eingeschlafen. Friedlich, schmerzlos, in Würde. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht mit einem fremden Auto in die Schweiz hätten fahren müssen, in ein anonymes Haus, mit dem uns nichts verband. Ich musste zurück ins Hotel, Monis Schlafanzug lag auf dem Bett, und ohne sie auschecken. Wie kann ich es mir anmaßen zu entscheiden, wie viel Schmerz, Leid oder Abhängigkeit ein anderer ertragen muss? Für mich steht wirklich über allem, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wie hätte Monika Prause diese Geschichte erzählt?

Volker Prause: Moni hätte gesagt, dass sie nicht gehen wollte, aber musste. Dass sie nicht lebens-, sondern leidensmüde war. Dass sie dankbar ist, dass ihre Familie bei ihr sein konnte, als sie starb. Selbstbestimmt und frei.

 

Umweltgifte: Aufstand unter Apfelbäumen (Reportage, Brigitte Woman 4/2015

Mals wäre ein idyllisches Dorf in Südtirol, wenn nicht die Obstbauern ringsum Pflanzenschutzmittel verspritzen würden. Vier Frauen wollen es nicht hinnehmen, dass ihre Umwelt und ihre Gesundheit vergiftet werden. Sie haben den ganzen Ort mitgerissen im Kampf für die erste pestizidfreie Gemeinde Europas

Zwei Waschbecken, drei Drehstühle, ein Boden aus grauem Granit. So sieht sie aus, die Keimzelle der Revolution. Ein normaler Friseursalon im Obervinschgau, Südtirol. Beatrice Raas, 45, füllt Wasser in eine Glaskaraffe, zupft an den Tulpen. Sie lacht, oft und herzlich. Eine quirlige Frau, die die Hände nicht ruhen lässt. So eine packt an, die handelt. Wie eine Revoluzzerin sieht sie trotzdem nicht aus. Schulterlanges Haar, schwarze Brille, Allerweltsklamotten: legere Leinenhose, feiner Wollpullover. Doch Beatrice Raas, Friseurin und Mutter von zwei Kindern, will den Umsturz. Mit ihrer Initiative „Hollawint“ kämpft sie dafür, dass in ihrer Heimat Mals der Einsatz von Pestiziden verboten wird. „Es geht um unsere Gesundheit. Um Lebensqualität. Um die Zukunft unserer Kinder.“

Um das Revolutionäre dieser Geschichte zu verstehen, muss man die Zeit zurückdrehen. Mals, dieses kopfsteinpflasterbeschauliche Dorf im Obervinschgau, im Dreiländereck von Italien, Schweiz und Österreich, soll pestizidfrei werden. Das entschieden die Einwohner vor sechs Monaten per Volksabstimmung und erschütterten ein langjähriges System. Der Bauernbund ist sehr mächtig in Südtirol, er gilt als stärkste Lobby des Landes. Dort wird Politik gemacht. Und Pestizide gehören zum Geschäft. Die Bauern setzen Ertrag steigernde Pestizide im Obstanbau ein, und der Obstanbau ist heilig. Äpfel und Kirschen sind ein Exportschlager. Mit rund 18 000 Hektar Plantagen ist die autonome Provinz das größte zusammenhängende Obstbaugebiet Europas, rund fünf Milliarden Äpfel werden hier Jahr für Jahr erzeugt. David gegen Goliath also, das macht diese Geschichte interessant. Doch es geht um mehr. Denn der Malser Volksentscheid taugt als Vorbild. Nicht nur für andere Gemeinden in Südtirol, die sich nun ebenfalls gegen die Pestizide wehren könnten. Sondern für ganz Europa.

Die Revolution gegen die Umweltgifte haben vier Frauen angefacht. Ein Haus im Dorfkern von Mals. Auf der Fassade prangt ein Marienbild, gegenüber steht die weltliche Macht, das Rathaus. Es ist kurz nach 12 Uhr. Martina Hellrigl, 39, stellt Salat, Rotkohl und Spätzle auf den Tisch. Eva, Martinas Zweijährige, greift nach dem Schöpflöffel. Die Stimmung am Küchentisch ist fröhlich. Martinas Worte sind es nicht. „Die Pestizide machen krank“, sagt sie. „Sie gefährden unsere Heimat. Wir mussten was tun.“

Die Geburtsstunde von Hollawint hat den Geruch warmer Föhnluft. Martina Hellrigl wollte es sich gutgehen lassen in Beatrice’ Salon. Eva war damals ein halbes Jahr alt und eine Nachteule. Doch Martina entspannte nicht in Beatrice’ Salon. Sie explodierte. Jetzt, am Küchentisch, gut eineinhalb Jahre später, erzählt sie erst mal, woher ihre Wut kam. Vor dreieinhalb Jahren untersuchte eine Toxikologin der Universität Oldenburg Heu aus Mals. Das Ergebnis: Es war hoch belastet. „So etwas gehört eigentlich auf den Sondermüll“, sagt Martina. „Bei uns fressen es die Kühe.“ Doch nicht nur im Malser Heu entdeckten Wissenschaftler Pestizide. Auch auf der Wiese neben der Schule und in den Teekräutern eines Biobauern; er konnte sein Produkt nicht mehr verkaufen. „Woher weiß ich, dass da keine Pestizide drin sind?“, fragt Martina und deutet mit dem Daumen auf den Salat und den Rotkohl auf dem Esstisch; das Gemüse stammt aus ihrem Garten. „Wenn die Apfelplantagen immer näher rücken, dann weiß ich nicht, ob meine Kinder gerade Gift essen.“

Konventionelle Apfelbäume werden im Schnitt 25-mal pro Jahr gespritzt. Im Obervinschgau bläst oft ein Wind. Auch Thermik und Regen tragen die Pestizide weiter. Zehn Fußminuten sind es von Beatrice Raas’ Friseursalon bis zu ihrem „Acker“, so nennt die Friseurin die wildromantische Streuobstwiese. Dort wachsen Mirabellen, biologisch und für den Eigenbedarf. Ein grünes Paradies. Das Idyll endet am Gartenzaun. Nebenan steht eine konventionelle Apfelplantage. Baum für Baum akkurat festgezurrt an Stangen aus Beton. In ihrer Gleichförmigkeit sehen die Apfelbäume aus wie Soldaten beim Appell. Beatrice hat einen Schutzzaun errichtet. Eine Plastikfolie flattert im Wind.

Von Deutschland aus kommt man über den Reschenpass in den Obervinschgau. Auf lang gezogenen Kurvenstraßen geht es ins Tal. Einst war der Obervingschau die Kornkammer der k. u. k. Monarchie. Dann kam die Viehwirtschaft. Heute sind vielleicht fünf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Mals Obstplantagen. Das ist wenig. Im Unterland, keine zehn Kilometer von Mals entfernt, steht Plantage an Plantage. Der Obervinschgau war lange zu trocken für den Obstanbau. Erst vor wenigen Jahren entstanden Beregnungsanlagen, mit ihnen kam der Apfel.

Martina schlüpft in ihre Trekkingjacke und die festen Schuhe. Eine gute Stunde hat sie noch, dann muss sie ihren Sohn vom Kindergarten abholen. Ihre Mutter übernimmt Eva. Durch schmale Gassen geht es steil bergauf. Eine ältere Frau grüßt Martina mit Namen. 5148 Einwohner, man kennt sich in Mals. Auf der Hoache, einer Wald- und Wiesenlandschaft oberhalb des Dorfes, bleibt Martina stehen. Der Blick geht auf eine Kuhweide und Lärchen. Auf den Ortler, den höchsten Berg Südtirols. Auf eine Plantage. Ein schmaler Feldweg trennt die Obstbäume von den Häusern am Dorfrand. Martina erinnert sich wieder an Beatrice’ Friseursalon, Mai 2013. „Ich war komplett ratlos“, erzählt sie. Umweltschützer wollten damals das Unmögliche: Sie initiierten eine Volksabstimmung „Für ein pestizidfreies Mals“. Was Martina so fassungslos machte: Das interessierte kaum einen. Die breite Unterstützung blieb aus. Martina und Beatrice, die Ruhige und die Quirlige, entschieden: Der Protest muss ins Dorf. Sie verfassten einen Leserbrief.Ein Leserbrief als revolutionärer Akt? Das klingt absurd. Doch Mals ist klein, und am Ende füllten die Worte der beiden Frauen eine volle Zeitungsseite.

Leserbrief im Vinschgerwind, 16. Mai 2013

Bitte! Der zunehmende Einsatz von Pestiziden und Herbiziden auf Malser Gemeindegebiet macht uns höchst besorgt und um unsere Gesundheit und insbesondere um jene unserer Kinder. Wir bitten unseren Bürgermeister, den Verantwortlichen für die Gesundheit der Gemeindebürgerinnen und -bürger, dafür Sorge zu tragen, dass unser aller Lebensraum und unsere Gesundheit nicht gefährdet werden.

13-mal wurde der Brief auf einer ganzen Seite abgedruckt, mit der Unterschrift von 70 Frauen und Männern aus der Gemeinde. Die Unterschreiber waren vor allem Jedermänner und Jederfrauen, die sich bisher nicht für grüne Themen eingesetzt hatten, wie Martina, die Hausfrau, und Beatrice, die Friseurin. „Hollawint“ ist Vinschger Dialekt. Es bedeutet: „Aufgepasst!“ Es sind auch Männer dabei, um die 90 Unterstützer hat die Gruppe insgesamt. Aber das Gesicht ist weiblich. Neben Martina und Beatrice gehören noch Margit Gasser, 55, Kindergärtnerin und Mutter von drei erwachsenen Kindern, und Maria Pia Oswald, 51, vierfache Mutter, Tagesmutter und Imkerin, zum harten Kern der Initiative. Hollawint hat die Volksabstimmung zwar nicht auf den Weg gebracht. Doch die Gruppe machte sie zum Dorfgespräch. „Gesunde Heimat für Menschen, Tiere und Pflanzen“ – „Pestizidfreie Gemeinde! Landschaft nützen und schützen“ – „Frei von Pestiziden – für uns und unsere Gäste“: Diese Sprüche druckte Hollawint auf Leintücher, nach dem Leserbrief war das die zweite Kampagne. Die Initiative holte die Malser ins Boot, besonders die Frauen. „Die Transparente wurden uns aus den Händen gerissen“, erinnert sich Martina. „Da hat die eine oder andere Malserin Überzeugungsarbeit geleistet, damit die Familie mitmacht“, sagt Beatrice. Vielleicht lassen sich Frauen leichter von anderen Frauen mitreißen. Vielleicht sind Mütter besonders glaubwürdig, wenn es um die Gesundheit geht. Hollawint traf einen Nerv, und die Plakate veränderten Mals. Über Nacht flatterten 90 an Hauswänden und Gartenzäunen. Das beschauliche Dorf wurde zum Buchstabenmeer, das Haltung zeigte. Die Medien berichteten. Plötzlich sprachen die Menschen über den anstehenden Volksentscheid: im Zug nach Bozen, auf dem Wochenmarkt in Meran. Und eben endlich auch in Mals.

5. September 2014: Die Malser stimmen für ein Pestizidverbot, mit 76 Prozent der abgegebenen Stimmen. An diesem Punkt müsste die Geschichte von Hollawint nun enden. Doch das tut sie nicht. Auf dem Tisch stehen Speck und Käse, Schüttelbrot und Wein. Im Ofen brennt Feuer. Der harte Kern von Hollawint sitzt in Margits Küche: Martina und Pia, Margit und Beatrice, die inzwischen eine Weiterbildung zur Naturfriseurin gemacht hat und keine Chemie mehr in ihrem Salon benutzt. Die Stimmung schwankt, die Frauen sind traurig und wütend, fassungslos und doch auch voll knisternder Energie. „Jetzt erst recht“, sagt irgendwann Pia, die Imkerin. Die Mehrheit des Gemeinderates von Mals weigert sich, das Ergebnis der Abstimmung in die Satzung des Dorfes einzutragen, obwohl Volksabstimmungen seit zwei Jahren in der Gemeinde bindend sind. Und einige Obstbauern haben gegen den Volksentscheid geklagt. „Wir machen weiter“, sagt Beatrice. Die anderen nicken. Die Stimmung im Dorf gibt ihnen Rückhalt und Mut. Viele Malser sind ebenso empört wie die vier Hollawint-Frauen. „Das Ergebnis steht“, sagt Martina. „Das müssen wir immer und immer wieder sichtbar machen.“ Natürlich mit neuen Hollawint-Aktionen in Mals. Manche sagen, dass sie scheitern werden. Keine Pestizide mehr in einem Dorf in Südtirol? Das wäre ja fast wie kein Weihrauch mehr in der katholischen Kirche. Beatrice Raas schüttelt den Kopf. Veränderungen sind immer möglich. Im Mai werden die Malser einen neuen Gemeinderat wählen. Bis dahin ist noch Zeit. Die wird Hollawint nutzen.

Liebe in Zeiten der Ablenkung: „Nicht jetzt, Schatz!“ (Essay, Brigitte 11/2011)

Liebe in Zeiten der Ablenkung

„Nicht jetzt, Schatz!“

(Essay, Brigitte 11/2011)

178 Facebook-Freunde, 35 Apps, Handy und Laptop ständig im Blick: Wir sind immer online, immer am Ball, alles ist möglich. Aber was macht das mit unseren Beziehungen? Wie Liebe in Zeiten der Ablenkung gelingen kann 

Meine Freundin Svenja war mit ihrem neuen Freund in Paris, ein verlängertes Wochenende lang: „Ich saß mit ihm in einem Straßencafé, aber er hat sich nicht mit mir unterhalten, sondern auf Facebook gepostet, dass er mit mir in Paris in einem Straßencafé sitzt.“ Neulich plauderten mein Mann und ich am Frühstückstisch. Es war an einem Montagmorgen, wir hatten Urlaub. Mein Handy klingelte. Ich ging nicht ran, na klar, es war unser Tag. Fünf Minuten später rief ich meine Chefin doch zurück. Eine andere Freundin checkt heimlich auf der Toilette ihre E-Mails, wenn sie mit einer Freundin ausgeht oder sich mit Freunden trifft. „Ich muss immer wissen, was los ist.“

Normale Vorgänge. 60 Prozent der Deutschen beantworten morgens im Bett ihre E-Mails. Jeder zweite Arbeitnehmer liest seine Mails im Urlaub. 500 Millionen sind bei Facebook, 16 Millionen allein in Deutschland. 50 Prozent von ihnen gehen jeden Tag auf ihre Seite. 43 Prozent aller Internetnutzer schauen im Netz Pornos. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer wechselt 36-mal pro Stunde zwischen den Programmen auf seinem Computer hin und her. Mehr als 75 Prozent der Deutschen sind online, meist den ganzen Tag.

Das ist unser Leben. Aber was macht das mit uns?

Der US-Journalist und Pulitzerpreisträger Matt Richtel hat recherchiert, wie elektronische Geräte unser Verhalten ändern. Im Interview mit der Zeitung „Der Freitag“ erklärt er, warum die moderne Kommunikationstechnologie suchterzeugend ist: „Wir bekommen einen Kick, wenn unser Smartphone uns über eine eingegangene E-Mail informiert. Dieses Pling löst einen einfachen neurologischen Prozess aus, das Glückshormon Dopamin wird ausgeschüttet, das uns jedoch nur kurzfristig befriedigt. Mit der Folge, dass wir suchtartig unsere Geräte mit großer Regelmäßigkeit checken.“ Das Problem ist, dass unser Gehirn genetisch auf Ablenkung programmiert ist: „Stellen Sie sich vor, Sie leben vor tausenden von Jahren in der Savanne und sind dabei, eine Hütte zu bauen. Plötzlich taucht ein Löwe auf. Ihr Gehirn wird angesichts des Löwen alle anderen Informationen blockieren und Ihnen befehlen wegzurennen. Wenn Sie nun eine E-Mail erhalten, wird Ihr Gehirn bombardiert mit der Nachricht: Gib mir Aufmerksamkeit, ich bin ein Mini-Löwe.“

Unser Leben ist voller Mini-Löwen, die unsere Aufmerksamkeit absorbieren. Sie haben sich in den letzten Jahren rasend vermehrt. Sie tauchen an den unerwartetsten Ecken auf. Ihnen ist egal, ob wir gerade Sex haben oder mit Freunden Wein trinken. Sie kommen ungefragt dazu. Durch iPhone, E-Mail und Facebook hat sich unser Leben enorm verdichtet. Wir wollen alles. Wir wollen alles gleichzeitig. Wir machen alles gleichzeitig. Wir haben Kinder und einen erfolgversprechenden Beruf. Wir vernetzen uns mit Freunden und Menschen, die uns irgendwann mal nützlich sein könnten. Wir optimieren jede freie Minute. Wir wollen nach außen gut rüberkommen. Da ist ein Job- Anruf bedeutsamer als ein gemeinsames Frühstück. „Nicht jetzt, Schatz.“

 

Wer glaubt, dass das nichts mit uns und unseren Beziehungen macht, ist naiv.

 

Die gute Nachricht ist: Dieses Leben hat viele Vorteile und ist natürlich großartig. Ich liebe es, mit meiner Freundin in Schweden zu skypen, ihr Gesicht, das ich sonst nur an Weihnachten sehe, wenn sie ihre Eltern besucht, auf meinem Computer zu haben. Ich liebe es, an manchen Abenden eine SMS zu bekommen, schon auf dem Sofa sitzend: „Komm noch vorbei“, steht da, und dann gehe ich auf ein Bier, spontan mit Freunden. Ich bin froh, dass ich einen guten Job habe und eine Beziehung. Es ist eine Fernbeziehung, das ist manchmal nicht einfach. Aber es ist gut so, wie es ist. Und viele Lebensformen wurden durch die moderne Kommunikation erst möglich. Über Facebook, Xing und Twitter organisieren wir uns, ob privat oder politisch.

Es ist ein modernes, ein gutes Leben. Weil wir so frei leben, weil wir so selbstbestimmt leben, wie es Frauen vor uns noch niemals möglich war. Es geht deshalb nicht darum, die Ablenkungen komplett auszuschalten, sie auszuknipsen. Aber wir dürfen uns von ihnen nicht auffressen lassen. Dafür müssen wir sie kennen und verstehen.

Die erste Ablenkung heisst: Sucht nach Aufmerksamkeit.
In jedem von uns steckt ein Sonnenkönig. Wir genießen Aufmerksamkeit. Wir wollen wichtig sein. Es fällt uns so schwer, Störer zu ignorieren, weil wir uns geschmeichelt fühlen. Da ist einer, der an uns denkt. Der uns meint, jetzt, in diesem Augenblick. Das macht lebendig. Der Anruf meiner Chefin am Urlaubstag etwa: Natürlich rufe ich zurück. Auch, wenn mein Mann neben mir sitzt. Der Anruf zeigt: Ohne mich geht es nicht. Wer kann davon genug bekommen?

Aufmerksamkeit ist eine Währung. Wir brauchen sie, weil wir soziale Wesen sind. Wer übersehen wird, ist nichts wert. Auch deshalb sind Communitys wie Facebook oder Twitter so beliebt. Wer freut sich nicht über den erhobenen Daumen, wenn ein Posting gut war?
Wir stellen das Foto unseres Hundes auf die Seite und fragen, wie die anderen ihn finden. Wir lassen uns beklatschen, weil wir noch gerade eben so den Flug nach Wien bekommen haben. Wir laden zu unserem Geburtstag ein und lassen die Party anschließend kommentieren.

Es ist ein Bauchgepinsel, das uns selbst bestätigt.

Die Anzahl der Facebook-Freunde, der Twitter- Follower: Nicht nur bei Stars wird damit der Marktwert gemessen. Wer ein Posting schreibt oder eine SMS schickt und nicht umgehend eine Antwort bekommt, denkt: Ich bin nicht wichtig genug.

Matt Richtel, der Wissenschafts-Autor, erzählte im „Freitag“ eine verstörende Geschichte, die deutlich macht, wie süchtig wir nach Aufmerksamkeit sind: Ein 16-Jähriger stirbt bei einem Autounfall. Die Fahrerin des anderen Autos hatte eine SMS in ihr Handy getippt, statt auf die Straße zu sehen. Der Vater des Jungen ist selbst ein zwanghafter Handy-Nutzer. Selbst nach dem Tod seines Kindes konnte er das Handy beim Autofahren nicht klingeln lassen. Er musste einfach rangehen. Nun legt er es vor jeder Fahrt in den Kofferraum. „Es gibt also zwei Möglichkeiten, mit Ablenkung umzugehen“, sagt Matt Richtel: „Sie können sich disziplinieren. Das ist schwer. Oder Sie legen das Gerät an einen unerreichbaren Ort.“

Früher galt: keine Anrufe um sechs (Essen), um acht („Tagesschau“), nach zehn (Schlafen). Wenn das Telefon sonst klingelte, ging man ran. Mit der Flexibilisierung unseres Lebens ist der Kodex verschwunden, nicht aber unsere Konditionierung. „Wir reagieren auf Telefonklingeln wie ein Pawlowscher Hund“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Joachim R. Höflich von der Universität Erfurt. Er erforscht als einer der Ersten in Deutschland, was die neuen Kommunikationstechnologien mit uns machen. Ihre Ablenkung, sagt Höflich, ist absolut. Höflich machte einen Versuch in der Erfurter Innenstadt: Er setzte einen Clown auf ein Einrad und ließ ihn ganz dicht an Menschen vorbeifahren, die gerade in ihr Handy sprachen. 75 Prozent nahmen den Clown überhaupt nicht wahr.

Wir nutzen unser Handy immer und überall. Alles ist erlaubt. Die Deutsche Knigge Gesellschaft beschloss, dass Schlussmachen per SMS kein grober Fauxpas ist. Einen strengen Kodex, sagt Höflich, wird es nicht mehr geben. Das ist ja auch das Gute: Wir dürfen selbst entscheiden, wann wir uns ablenken lassen.

Für unsere Beziehungen bedeutet das: Wir sitzen dem Irrglauben auf, dass uns die Aufmerksamkeit unseres Partners gewiss ist. „Wir glauben, dass er alles, was wir ihm zumuten, kompensiert. Schlicht deshalb, weil er uns liebt“, erklärt der Paartherapeut Ulrich Clement. Deshalb muten wir ihm mehr zu als allen anderen. Und messen gleichzeitig mit zweierlei Maß. Von unserem Partner fordern wir alle Aufmerksamkeit ein, das entspricht unserem romantischen Ideal. Doch wir selbst sind nicht bereit, die romantische All-Aufmerksamkeit in jedem Moment zu geben.

Damit sind wir bei der zweiten Ablenkung.
Sie heisst: Masslosigkeit.

Ich kenne sie genau. Schon morgens in der U-Bahn begegne ich ihr. Immer dann, wenn ich über mein iPhone auf meine Facebook-Seite gehe und sehe, was ich am Abend zuvor verpasst habe. Andere waren joggen. Tanzen. Und da! Eine Freundin ist in einer neuen Beziehung. Wow, denke ich, die hat sich neu verliebt. Ich saß mit meinem Mann auf dem Sofa. Es ist nicht Neid. Aber doch, da ist etwas in mir, das ziept. Weil ich weiß, dass es irgendwo auf der Welt etwas gibt, das toller ist als mein Leben. Oder so tut, als ob.

Ein gutes Beispiel für Maßlosigkeit sind Partnerbörsen im Netz. Den Partner dort zu finden ist nichts Besonderes. Besonders ist, dass längst nicht alle, die dort angemeldet sind, suchen müssten. Sie haben einen Freund, seit Monaten schon, sie passen gut zusammen. Sie könnten ihr Profil nun löschen. Machen sie aber nicht. Sie schreiben vielleicht nicht zurück. Sie wollen nur mal sehen, wer sich so für sie interessiert. Und immer ist da dieses Gefühl, dass es irgendwo auf der Welt einen gibt, der noch besser passen könnte. Es ist nicht nur ein Gefühl. Denn natürlich gibt es irgendwo auf der Welt einen Menschen, der anhänglicher ist oder freier als unser Partner, lustiger oder ernster, dünner oder dicker – der besser zuhört, besser aussieht, besser ist im Bett oder im Umgang mit den Kindern.

Das war natürlich schon immer so. Aber noch nie war die Auswahl so groß. Noch nie war es so einfach, andere kennen zu lernen. Wir sind mit allen verbunden. Durch die Verdichtung der Welt ist alles greifbar geworden. Wir übersehen nur, dass die Freiheit so selbst zum Zwang wird: dem Zwang, alles mitzunehmen, überall dabei zu sein. Es ist keine Leere mehr erlaubt. Wir wollen immer etwas zu tun haben. „Projekt“ ist das Wort unserer Zeit. Ein Projekt füllt auch die letzte Lücke.

Diese Ablenkung nehmen wir mit in unsere Partnerschaft.

Unser Partner soll uns alles sein. Er muss sich mit allen messen, oder er ist es nicht. Wer sich das bewusst macht, entkommt der Maßlosigkeit nicht. Wir können dann aber realistischer damit umgehen. Der Soziologe Sven Hillenkamp („Das Ende der Liebe“, Klett-Cotta) nennt als eine Lösung die Vernunftehe. Das klingt erst einmal nicht sexy. Aber vielleicht hat er recht. Denn gemeint ist damit nicht die Geschäftsliebe vergangener Jahrhunderte. Gemeint ist, zu dem zu gehen (oder bei dem zu bleiben), der uns guttut, anstatt immer neue Leidenschaften zu suchen. Vergleiche einfach mal auszuhalten. Denn in Zeiten der Ablenkung brauchen wir einen Ort zum Ausruhen.

Die dritte Ablenkung sitzt tiefer.
Sie heisst Flucht.

Wir beamen uns in andere Welten, die nichts mit uns und unserem Leben zu tun haben. Wir sind dann eine Heldin in World of Warcraft. Wir schauen Pornos, Männer deutlich häufiger als Frauen. Bislang kommt auf drei männliche Sexklicks im Netz nur ein weiblicher. Wir suchen Entspannung. Wir wollen alles um uns herum vergessen. Das ist erst mal nicht verkehrt.

Wenn wir den Weg zurück finden.

Zunächst einmal gilt: Fluchten sind erlaubt. Sie bereichern Beziehungen. Und sie haben nichts mit unserer Partnerschaft zu tun. Das gilt auch für Pornos. Die erotische Fantasiewelt existiert unabhängig von der realen körperlichen Liebe, als eigener Bereich der menschlichen Sexualität. Es gilt aber auch: Unser Gehirn verändert sich durch seinen Gebrauch permanent. Alles, was wir wahrnehmen und denken, erleben und fühlen, hinterlässt Spuren. Wenn wir unser Gehirn immer und immer wieder mit Bildern einer verzerrten, unrealistischen Welt füttern, in der wir gegen Monster kämpfen oder Frauen mit monströsen Brüsten beim Sex beobachten, macht das was mit uns.

Die niederländische Sexualtherapeutin Hannie van Rijsingen hat sich auf das Thema Internetsex spezialisiert („Unsichtbare Affären“, Orlanda Verlag). Sie sagt, dass die Flucht in Porno-Parallelwelten vor allem deswegen gefährlich ist, weil sie so verdammt einfach ist. Weil diese Welt immer verfügbar ist, selbst am Arbeitsplatz. Weil es so bequem ist: Wir müssen keine Gespräche führen und niemanden in Stimmung bringen.

„Männer sind besonders anfällig“, sagt Hannie van Rijsingen. „Je mehr sie aber schauen, umso mehr nimmt die Lust auf die Partnerin ab. Süchtige können ohne den Kick von außen gar nicht mehr.“ Und die Frauen, sagt Hannie van Rijsingen, beziehen diese Flucht der Männer in die Pornografie auf sich. Sie denken, dass sie nicht schön genug oder nicht jung genug sind. Damit aber habe es nichts zu tun.

Wer flüchtet, egal in welche Welt, hat nicht gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Hannie van Rijsingen hat untersucht, wann wir den Internet-Kick haben wollen. Das ist immer dann, wenn es uns nicht gutgeht. Wenn wir ein schlechtes Gefühl überdecken wollen. Wir wollen nichts mehr aushalten. Manche können nichts mehr aushalten. Die Hemmschwelle ist gesunken. Und nichts gibt uns so schnell ein so gutes Gefühl wie Sex, auch auf Knopfdruck. Hannie van Rijsingen sagt, dass nur der Süchtige etwas ändern kann, nicht der Partner. Ihre Lösung heißt: sich selbst kennen lernen. Wir müssen uns fragen, welchen Konflikten wir aus dem Weg gehen und was wir durch unsere Flucht vermeiden wollen.

Parallel-Welten können uns einen Kick geben, uns auch glücklich machen. Das gilt auch für solche, die nicht virtuell sind: das Treffen mit Freunden, Sport, unser Job. Wir alle haben Welten, in denen unser Partner nichts verloren hat. Wir brauchen diesen Raum und diese Zeit für uns. Wir müssen uns aber auch fragen: Wann ist Ablenkung nur noch Flucht? Lassen wir uns aus unserer Zweisamkeit locken, weil wir die Zweisamkeit (mit diesem Menschen) längst nicht mehr ertragen? Die Antwort kennen nur wir. Wir sind es, die dann Konsequenzen ziehen müssen.

Was heißt das nun für das Gelingen unserer Liebe? Es gibt kein Gesetz, keine übergeordnete Instanz, die sagt, was für uns und unser Leben das Richtige ist. Die Grenzen und Prioritäten müssen wir selbst bestimmen und mit unserem Partner verhandeln. So wie wir gelernt haben, die moderne Technik für uns zu nutzen, müssen wir lernen, uns ihr in den richtigen Augenblicken zu entziehen – dann, wenn wir es wollen. Das Schöne ist: Wir haben es selbst in der Hand.

Joachim R. Höflich, der Kommunikationswissenschaftler, hat vor mehreren Jahren Jugendliche zu ihrer Handy-Nutzung befragt. Damals fuhren die lieber eine Stunde zurück nach Hause, wenn sie ihr Handy vergessen hatten, als einen Abend ohne zu verbringen. Heute, mit Mitte zwanzig, sagen dieselben Jugendlichen, dass sie ihr Handy an manchen Abenden sehr bewusst zu Hause lassen. Höflich spricht von einem Trend des Verzichtens, der sich nicht nur in der modernen Kommunikationstechnologie zeigt, sondern beispielsweise auch in unseren Essgewohnheiten: weniger Fleisch, mehr Gemüse. Wir fangen an, sehr bewusst zu entscheiden, was uns guttut. Das ist gut, und das müssen wir auch. Denn die Ablenkungen werden in der Zukunft noch zunehmen.

Matt Richtel, der Wissenschafts-Autor, sagt: „Ich benutze samstags kein Smartphone. Ich mache das nicht nur, weil ich es meiner Familie schuldig bin, sondern weil die Forschung zeigt, dass unser Gehirn, wenn es sehr stimuliert wird, sehr viel Aktivität erzeugt. Aber erst wenn wir unserem Gehirn eine Auszeit gönnen, kann diese Aktivität umgesetzt werden in Lernen.“

Die Lösung, wie Liebe in Zeiten der Ablenkung gelingen kann, ist also banal. So banal, dass sich alle Experten einig sind. Verzicht, Reduktion – und: Wir müssen Zeit mit unserem Partner verbringen. Und zwar qualitätvolle. Zeit also, die nicht nur mit Einkaufen, Alltagbesprechen oder Fernsehen gefüllt ist. Die nur unserem Partner und uns gehört. Dabei geht es nicht um neue Highlights. Wer gestresst ist, will nicht noch mehr leisten. Die Investition übersteigt dann den Nutzen. Es geht um etwas anderes, das nichts kostet.

Irene Lang-Reeves ist Körpertherapeutin und Sexualberaterin („Sexualität mit Leib und Seele“, BRIGITTEBuch im Diana Verlag). Sie hat eine Praxis in München. Viele Paare, die zu ihr kommen, sind unzufrieden und gelangweilt von ihrer Sexualität. Lang-Reeves verordnet ihnen erst einmal, Präsenz zu üben. Nicht nur das Handy ausschalten, sondern auch das Kopfkino, die Erinnerung an gestern, die Sorgen um morgen. Im Hier und Jetzt sein, ganz bei uns, ganz beim Partner. „Das fällt uns schwer. Aber für ein besseres Miteinander – und für besseren Sex! – müssen wir tatsächlich neu lernen, uns mit nur einer Sache zu beschäftigen“, sagt Lang-Reeves. Das muss nicht aufwändig sein. Gute Begegnungen fressen nicht automatisch wahnsinnig viel Zeit. Ein gutes Beispiel dafür ist die „verschmelzende Umarmung“, die Lang-Reeves ihren Klienten empfiehlt. Es ist eine innige Umarmung mit viel Körperkontakt, intensiv, konzentriert. Wir sollen dabei den anderen spüren, uns ganz auf ihn einlassen. „Das dauert zwei, drei Minuten“, sagt Lang-Reeves. „Aber es kann eine unglaublich intime Begegnung sein, die Nähe schafft.“

Nähe stellen wir auch dann her, wenn wir die modernen Technologien für uns und unsere Partnerschaft benutzen. 96,4 Millionen Handy-Verträge gibt es in Deutschland, bei 82 Millionen Einwohnern. In ganz Europa gibt es über Mittag und gegen Abend einen signifikanten Anstieg von versandten Kurznachrichten. Das Handy hat sich vom Geschäfts- zum Beziehungsmedium entwickelt. Wir schicken, was wertvoll ist: Aufmerksamkeit. Wir rücken zusammen. Es entsteht eine neue Nähe. Egal, wo wir sind: Wir haben unsere Beziehungen dabei. Man kann das beobachten, in der U-Bahn, im Café. Da sitzen Menschen mit ihrem Handy, und sie haben dieses leichte Grinsen. Weil sie etwas gelesen haben, das ihnen zeigt: Da ist jemand, der denkt an mich. Der andere ist bei mir.

Denn SMS, Facebook und Co sind natürlich auch ein Flirt-Instrument – auch in Beziehungen. Meine Freundin Mira schreibt ihrem Freund oft nur ein Wort: „Lust?“ Mira sagt: „Meine SMS vermittelt Nähe. Ich will ihn, und das schreibe ich ihm in genau dem Moment, in dem ich ihn will.“ Sie sagt, dass sie sich an diesen Tagen anders auf zu Hause freut. Dass sie gespannt ist und aufgeregt: „Ich bin die Ablenkung. Das ist schön. Wir sind uns ganz nah, einen Augenblick lang, obwohl ich nicht bei ihm bin.“ Mira sagt auch, dass sie an diesen Tagen stärker sortiert. Nicht der spontanen Biereinladung der Kollegen folgt. Sich nicht ablenken lässt von ihrer Beziehung.

Mein Mann und ich, wir rufen uns an während der Arbeit. Es sind kurze Telefonate, ein, zwei Minuten lang. Ich mag, dass ich weiß, wie es ihm geht. Ich mag, dass er an mich denkt und ich an ihn, auch wenn wir eigentlich mit anderem beschäftigt sein müssten. Es gibt Tage, an denen wir uns in unseren Anrufen näher sind als am Abend zu Hause. Anfangs hat mich das wütend gemacht. Pseudonähe, habe ich gedacht. Aber ist es das? Was ich mit meinem Handy in den Momenten vermittle, in denen ein direktes Gespräch nicht möglich ist, ist: Ich denke an dich. Ich bin abgelenkt durch dich. Und dann heißt die Ablenkung: Liebe.