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Rajaa Alsanea: Der verbotene Blick (Porträt, Brigitte 10/2007)

Rajaa Alsanea: Der verbotene Blick (Porträt, Brigitte 10/2007)

„Die Girls von Riad“ heißt ihr Roman, der in Saudi-Arabien alle Tabus gebrochen hat. Weil Rajaa Alsanea, 25, so intensiv von den Wünschen junger Frauen erzählt, als ginge es um ihr Leben. BRIGITTE-Mitarbeiterin Madlen Ottenschläger hat die mutige Autorin getroffen.

Auf dem hölzernen Couchtisch liegt ein Buch mit der Sprengkraft einer Bombe. 300 Seiten dick, der Einband aus einfacher Pappe. In arabischer Schrift steht darauf: „Die Girls von Riad“. Auf dem Sofa sitzt Rajaa Alsanea, reckt das Kinn und sagt:  „Irgendjemand musste doch den Anfang machen.“ Also hat sie den Anfang gemacht.  Hat ein Buch geschrieben, das verteufelt oder geliebt wird in ihrer Heimat, schwarz oder weiß, ein Dazwischen gibt es nicht. Dabei erzählt es nur die Geschichte von vier Freundinnen aus Riad, von ihren Träumen und Hoffnungen, ihrem Leben und Lieben.  Für Saudi-Arabien aber ist das unerhört.  Vergebens suchte man bislang in dem Land, das sich abschirmt vom Rest der Welt wie kaum ein zweites, nach Geschichten, die vom echten Leben erzählen. Und dann ist es eine Frau, ausgerechnet, die den Blick durch das Schlüsselloch freigibt!

Wir sitzen in Rajaas Wohnzimmer. Die Wände sind mintgrün, afrikanische Masken blicken auf eine braune Ledercouch, über dem Fernseher hängen Fotos. Rajaa ist jung, 25 erst, und sie ist eine Schönheit: braune Locken, braune Augen, perfekte Figur. Sie trägt Jeans und Pulli und die Haare offen. In ihrer Wohnung in Chicago, beim Gespräch mit einer Frau, braucht sie kein Kopftuch, wie sie es sonst in der Öffentlichkeit trägt.  Seit fast einem Jahr lebt Rajaa in den USA, sie ist dem Bruder und der Schwester in die Stadt am Lake Michigan gefolgt, macht dort wie die beiden ihren Master in Zahnmedizin, in Endodontologie. Im Juni 2008 will sie ihre Abschlussprüfung bestehen – und dann heimkehren nach Saudi-Arabien.

Ihre Stimme wird weich, wenn sie von ihrer Heimat spricht, von den Freundinnen dort, der Mutter. „Ich liebe Saudi-Arabien“, sagt sie. „Ich vermisse es unendlich, und ich würde nie etwas tun, das meinem Land schadet.“ Aber ist das nicht ein Widerspruch?  Greift sie in ihrem Buch nicht das Land an, in dem sie aufgewachsen ist? Schließlich schreibt sie darüber, wie Frauen an arrangierten Ehen zerbrechen. Sie schreibt über Homosexualität, ein absolutes Tabu in Saudi-Arabien und der ganzen islamischen Welt. Sie schreibt über die Freundschaft einer Sunnitin mit einem Schiiten, die im Gefängnis endet. Und sie schreibt über geschiedene Frauen, die von der Gesellschaft geächtet und ausgegrenzt werden.

Rajaa schließt kurz die Augen, atmet tief ein. Zu oft schon hat sie sich verteidigen müssen. Dann sagt sie: „Ich sage nicht, dass alle Saudis so sind, wie ich es in meinem Buch beschreibe. Und ich sage nicht, dass es richtig ist, was die Personen in meinem Buch tun. Ich sage nur, dass es diese Dinge in Saudi-Arabien gibt. Ich bin Schriftstellerin, keine Richterin. Das Urteil müssen sich die Leser schon selbst bilden.“ Und das machen sie. Da sind die Extremisten, streng religiöse Moslems, die in dem Buch eine Beleidigung für ihren Glauben sehen. Rajaa hat E-Mails bekommen, in denen ihr der Tod gewünscht wird: „Wir beten dafür, dass du stirbst. Wir beten dafür, dass du die Menschen verlierst, die du liebst. Wir beten dafür, dass Gott dich der gerechten Strafe zuführt.“ Ins Gesicht gesagt aber hat ihr das keiner. Dafür kreischen die Menschen auf der Straße, wenn sie Rajaa sehen. Die Frauen umarmen sie, eine körperliche Nähe, die für saudische Männer undenkbar ist; einige schütteln ihr immerhin die Hand. Frauen und Männer fotografieren und feiern sie: Rajaa, der Star, Rajaa, die neue Stimme Arabiens.

Wie ein Lauffeuer hat sich „Die Girls von Riad“ in Saudi-Arabien verbreitet und von dort in der arabischen Welt. Ein Bestseller ist der Roman, der von den Freundinnen Kamra, Lamis, Michelle und Sadim erzählt, mehrere hunderttausendmal verkauft – offiziell. Das ist Wahnsinn für eine Region, in der schon als literarischer Star gilt, wer mehr als 3000 Exemplare absetzt.  Die inoffiziellen Zahlen gehen in die Millionen.  Denn Rajaas Buch, im September 2005 im Libanon veröffentlicht, um der Zensur in der Heimat zu entgehen, und bis vor kurzem in Saudi-Arabien nicht erhältlich, war eine heiß gehandelte Schwarzmarktware.  Das Zehnfache des Ladenpreises bezahlten Leser für eine Kopie, 100 Dollar für eine Sammlung loser Blätter.  Heute kann der Roman auch in Saudi-Arabien gekauft werden, das Informationsministerium hat nach langer Prüfung sein Okay gegeben – eigentlich. Die Buchhändler zucken häufig nur die Schultern, zu gefährlich ist ihnen die Ware.

„Natürlich bin ich stolz. Es ist ein Traum, ein Wunder, ein Märchen“, sagt Rajaa. Mit diesem Erfolg hat sie nicht gerechnet.  „Ich habe so viel Unterstützung erfahren, so viel Zuspruch bekommen.  Das macht mich unendlich glücklich – und stolz auf mein Land. Es zeigt doch, dass Saudi-Arabien in Bewegung ist.“ Manche sagen, dass Rajaas Roman das Tor zur Freiheit geöffnet hat. Weil es in Saudi-Arabien plötzlich möglich ist, über Dinge zu reden, die bislang als unerhört galten. Rajaa erzählt von dem Brief eines Mannes, der „Die Girls von Riad“ von seiner Tochter bekam, einer Geschiedenen.  Als der Vater das Schicksal von Kamra las, als er las, wie sich die Romanfigur fühlt, die vom Ehemann verstoßen und von den Eltern eingesperrt wird – erst da hat er verstanden. Er schreibt: „Ich habe mit meiner Tochter nie über ihre Ehe gesprochen. Ich habe mit meiner Tochter nie darüber gesprochen, wie sie sich fühlt, welche Träume sie hat vom Leben. Nachdem ich Dein Buch gelesen habe, haben wir zum ersten Mal wirklich geredet. Ich werde dafür sorgen, dass sie nicht Kamras Schicksal teilt.“

Rajaa steht auf, durchquert den Raum, bleibt vor einem der Fotos stehen, die an der Wand über dem Fernseher hängen.  „Das ist die Verlobung meines Bruders“, sagt sie. Das Bild zeigt ein glückliches Paar, eine strahlende Mashael, einen lachenden Jamal. In ihrem Buch schafft es Lamis als einzige der vier Freundinnen, den Mann zu heiraten, den sie liebt.  Rajaa verschwindet in der Küche.  „Ich bin ein bisschen nervös“, sagt sie, als sie zurückkommt, in der Hand eine silberne Kanne. Es ist das erste Mal, dass sie Kaffee gekocht hat, ganz allein. Sonst macht das Mashael, die Frau des Bruders, oder Rasha, die Schwester. Und daheim in Saudi-Arabien, in Riad, nun ja, da gibt es die Mutter, es gibt eine Köchin und noch ein paar andere Hausangestellte. Rajaa stammt aus der saudischen Oberschicht, finanzielle Sorgen hat Familie Alsanea nicht. Sie beugt sich nach vorn und schenkt gelben Kaffee in zwei winzige Becher. Es duftet nach Kardamom. Der Kaffee ist heiß, süß, und schmeckt wie Kräutertee.  Rajaas Augen weichen dem Blick des Gegenübers nicht aus, sie halten ihn, erwidern ihn. Ihre Stimme ist kräftig, sie wirkt stark, selbstbewusst. Und doch fragt man sich, woher sie den Mut hatte, ein solches Buch zu schreiben. Sie lacht. Dann lehnt sie sich zurück und beginnt zu erzählen.  Dass sie das Nesthäkchen sei, vier Brüder habe und eine Schwester. Geboren ist sie in Kuwait, der Vater arbeitet dort als Journalist. Er merkt schnell, dass seine Jüngste die arabische Sprache liebt, schon mit fünf liest sie dem Vater Zeitungsartikel vor, mit sechs schreibt sie kleine Geschichten.  Der Vater prophezeit: Du wirst einmal Schriftstellerin. Rajaa ist acht, als er an einem Herzinfarkt stirbt und die Familie zurückkehrt nach Saudi-Arabien.  „Ich musste stark sein, stark werden, um diesen Schmerz auszuhalten“, sagt Rajaa.  „Vielleicht bin ich deshalb mutig: Weil das Schlimmste, was mir passieren konnte, schon passiert ist.“ Sie schweigt, einen Moment nur, dann ist da wieder dieses Lächeln, das ihr Gesicht leuchten lässt.  „Und sagt man nicht auch, dass die Jüngsten die Dickköpfigsten sind?“

Eine Tür knallt, lautes Gepolter, dann steht eine Frau im Raum, das weiße Kopftuch akkurat gebunden, unterm Arm eine Aktentasche. „Hallo, lasst euch nicht stören, ich muss los, bis dann“, ruft sie, packt ihren Mantel und ist verschwunden.  „Das war meine Schwester Rasha“, sagt Rajaa. „Sie ist mal wieder spät dran.“ Dann gießt sie Kaffee nach, greift nach dem silbernen Schälchen mit Datteln. „Die müssen Sie probieren, die sind echt lecker“, sagt sie und beißt ein Stück ab. Sie erzählt, dass es eigentlich ihre Schwester war, die ihr den nötigen Mut gegeben hat. „Ich wusste schon als Kind, dass ich eines Tages einen Roman schreiben werde. Doch erst, als ich an die Universität kam, als ich die private Schule verlassen und zum ersten Mal in meinem Leben an einer öffentlichen Bildungseinrichtung unterrichtet wurde, erst da spürte ich, worüber ich schreiben will.“ An der Universität trifft das Mädchen aus der Oberschicht Mädchen, die es sich nicht leisten können, jeden Sommer Urlaub in den Staaten zu machen. An der Universität trifft das sunnitische Mädchen schiitische Mädchen, eine religiöse Minderheit in Saudi-Arabien, entrechtet.  An der Universität trifft das Mädchen aus der Stadt Mädchen vom Dorf. „Erst da habe ich gemerkt, wie unterschiedlich die Mädchen in Saudi-Arabien sind“, sagt sie. Und wie streng voneinander abgeschirmt sie aufwachsen. Rajaa merkt, dass es in dem Königreich nicht nur eine Trennung der Geschlechter gibt, sondern auch eine der Klassen, der Religionen, der Weltsichten. Sie sagt: „Da wusste ich: Ich muss über uns schreiben, über die Mädchen aus Saudi-Arabien.“ Rajaa wird zum Schwamm. Sie freundet sich mit Schiitinnen an und spricht mit denen, die nicht privilegiert sind, die keine Designerklamotten tragen unter der Abaya, einem mantelartigen Übergewand, das für Frauen in Saudi-Arabien in der Öffentlichkeit vorgeschrieben ist. Begierig saugt sie jede Information auf, lauscht jeder Geschichte. Da ist das Mädchen, das Abend für Abend mit ihrem Freund chattet. Ob er der ist, der er vorgibt zu sein? Sie hat ihn nie gesehen, die Geschlechter sind in Saudi-Arabien separiert. Da ist die Frau, die nach der offiziellen Trauung mit ihrem Mann schläft und nicht bis zur Hochzeitszeremonie wartet. Er lässt sich scheiden, sie ist ihm zu frivol. Da sind die Mädchen, die sich als Männer verkleiden, sich ins Auto setzten und losfahren, Spaß haben, einfach so – in Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren. Es sind Geschichten von Liebe und Leid. Es sind traurige Geschichten, aber auch glückliche, lustige, verrückte.

Rajaa schreibt mit, spinnt die Geschichten weiter, denkt sich neue aus, in Gedanken und auf gelben Post-its, die bald in ihrem ganzen Zimmer kleben: am Schrank, über dem Schreibtisch.  Sie ist 18, als sie den ersten Satz in den Laptop tippt. Sie schreibt ein Kapitel, zwei, drei. Dann geht nichts mehr. Sie will hinschmeißen, da klingelt ihr Handy.  Es ist ihre Schwester Rasha. Sie sagt:  „Was sind das für Texte auf meinem Laptop?“ Rajaa hat in den Ferien in den USA den Laptop der Schwester benutzt.  Rasha brüllt ins Telefon: „Das ist gut, das ist richtig gut! Du musst weitermachen!“ Sie bedrängt die kleine Schwester, lässt keine Ausrede gelten: Zu viel Arbeit an der Uni? Kein Problem, ich helfe dir.  Keine Idee, wie die Geschichte weitergehen soll? Uns fällt schon was ein. Also schreibt Rajaa weiter. Das aber weiß nur ihre Schwester Rasha.  Warum hat sie niemandem von dem Buch erzählt? „Weil ich nicht wusste, ob ich es wirklich beenden kann“, sagt sie.  „Und weil ich nicht wusste, ob es gut genug wird.“ Sie greift nach dem Buch, streicht fast zärtlich über den Einband.  Dann sagt sie: „Es sollte eine Bombe sein.  Meine Familie, meine Freunde, alle sollten sagen: Das ist Wahnsinn! Wann hast du das gemacht? Ich wollte sie umhauen.“ Das ist ihr gelungen. Doch lange hält die Euphorie nicht an, es gibt viel zu bereden bei den Alsaneas. Die Brüder, die Mutter, Rasha und Rajaa treffen sich. Ihr Bruder Ahmad fragt: „Willst du das Risiko einer Veröffentlichung wirklich eingehen? Du bist noch nicht verheiratet – und du weißt:  Unsere Gesellschaft vergisst nichts. Und sie verzeiht nichts.“ Rajaa will. „Wir haben Gesetze in Saudi-Arabien“, sagt sie. Für eine Buchveröffentlichung im Libanon wird man nicht ins Gefängnis gesteckt.“

Rajaas Blick wandert durch das Wohnzimmer, bleibt hängen beim Foto von Jamal und Mashael.  „Ganz ehrlich: Jetzt ist es für mich doch viel einfacher, den richtigen Mann zu finden!“ Sie möchte einen, der stolz ist auf das, was sie schreibt. Der sie unterstützt, ermutigt und anspornt. „Nach der Veröffentlichung habe ich übrigens eine Menge Heiratsanträge bekommen“, sagt sie. Der Richtige aber war nicht dabei.  Rajaa schaut auf die Uhr, schnell muss es jetzt gehen, an der Uni wartet ein Patient. Sie bindet ihr Kopftuch um, packt Bücher in den Rucksack, den Laptop in die Tasche. Knapp eine Stunde Pause hat sie heute, trotzdem muss der Laptop mit.  Im Sommer erscheint ihr Buch bei Penguin US, Rajaa bearbeitet, redigiert und lektoriert die englische Übersetzung. „Wenn ich Deutsch könnte, hätte ich es da auch gemacht“, sagt sie. Weil sie Angst hat, dass die Bedeutung ihrer Sätze in der fremden Sprache verloren geht. Weil sie Angst hat, dass ihr Buch nicht mehr ihr Buch ist.  Rajaa, die Perfektionistin. Und Rajaa, die Arbeitswütige. Kürzer treten, das Studium abbrechen, nur noch schreiben – das will sie nicht. „Ich liebe das Schreiben, aber ich brauche auch einen Job, der mich erdet“, sagt sie. Als aus Rajaa, der Studentin, Rajaa, die Bestseller-Autorin, wurde und ihr Foto – mit Kopftuch, sanft in die Kamera lächelnd – ein Jahr durch die saudischen Medien ging, als sie an manchen Tagen an die tausend E-Mails bekam und Journalisten anriefen aus England und den Emiraten, aus Ägypten, den USA und Marokko, da hat sie fast die Bodenhaftung verloren.  Es gab Tage, da ging sie nur noch mit Sonnenbrille aus dem Haus – und wurde trotzdem erkannt. Also zog sie den Neqab über, den Gesichtsschleier, der nur die Augen frei lässt und den Rajaa zuvor noch nie getragen hatte.  Die Abreise in die USA ist da wie eine Befreiung, endlich darf die Bestseller-Autorin wieder Studentin sein. Überhaupt sieht sie das Leben heute sehr pragmatisch: „Das eine Buch verkauft sich, das andere nicht.“ Dann sagt sie: „Meine Brüder und meine Schwester sind Ärzte, sie verdienen gut.  Dem will ich nicht nachstehen.“ Rajaa will ihr eigenes Geld verdienen, Karriere machen – und überhaupt: Erlebt man als Ärztin nicht die spannendsten Geschichten?  Sie hat schon eine Idee für ihr nächstes Buch. Und gelbe Post-its.

Charlotte Knobloch: Die bayerische Löwin (Porträt, Brigitte Woman 2010)

Mit Charlotte Knobloch verlässt die letzte Präsidentin den Zentralrat der Juden, die den Holocaust noch selbst erlebt hat. BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Madlen Ottenschläger traf sie in ihrem Büro in München

Vor der Israelitischen Kultusgemeinde in München steht ein Sicherheitsmann, die Fenster und Türen sind aus kugelsicherem Glas. Mein Rucksack wird kontrolliert.  Natürlich wusste ich das. Und doch schäme ich mich in diesem Augenblick. Weil das notwendig ist, in meinem Land, im Jahr 2010. „Scham ist das Letzte, was ich von Ihnen will“, wird Charlotte Knobloch später sagen. Jetzt steht sie vor mir, dunkler Rock, helle Bluse, dunkles Jackett. Sie ist eine gepflegte, gut aussehende Frau, 77 Jahre alt.  Charlotte Knobloch betritt den Raum – und ist da. Eine enorme Präsenz. Ihr Händedruck ist fest. Wir setzen uns in die weichen Ledersessel in ihrem Büro, einem hellen, großzügigen Raum mit breiter Fensterfront. Zwischen uns: ein schmaler Tisch – und fast 50 Jahre Altersunterschied. Ein halbes Jahr habe ich auf den Termin gewartet. Charlotte Knobloch ist viel beschäftigt. Als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland ist sie Deutschlands bekannteste Jüdin. Manche sagen, sie nerve. Im Oktober wird Knobloch nicht mehr für das Präsidentenamt kandidieren. Warum? „Ich möchte nicht im Amt sterben“, sagt sie.

Ich lese ihr vor, was über sie geschrieben wurde: Sie sind eine Übergangspräsidentin. Ihnen fehlt die Eignung für das Amt. Sie sind eine lästige Mahnerin. Sie haben nicht studiert. Knobloch verzieht keine Miene. Will sie sich nicht dieser Art von Kritik aussetzen?  Hat sie sich deshalb gegen die erneute Kandidatur entschieden? „Na, das Letzte stimmt doch“, sagt Knobloch. Und lacht. Es ist ein fröhliches Lachen. „Ich habe ja tatsächlich nie studiert. Ich wäre gern Juristin geworden. Oder Reporterin.“ Sie werde sich weiter einmischen. Sie bleibe ja Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.  Jetzt sollen aber Jüngere ran. „Ich hoffe, dass auch Frauen nachkommen“, sagt Knobloch.  Sie war nicht nur die erste Frau an der Spitze des Zentralrats. Sie wird vor allem auch die letzte Präsidentin sein, die den Holocaust noch selbst erlebt hat.

Charlotte Knobloch kam am 29. Oktober 1932 in München zur Welt, der Vater Jurist, die Mutter konvertierte für die Familie zum Judentum. Doch die Mutter hält dem Druck in Nazideutschland nicht stand. Sie lässt sich scheiden und verlässt ihre Familie, da ist Charlotte – das einzige Kind – vier Jahre alt. Später, nach dem Krieg, habe sie die Mutter nochmals gesehen, in München, auf der Straße. „Aber da war kein Kontakt mehr. Ich kann nicht verstehen, warum sie uns verlassen hat. Wer selbst Kinder hat, kann das nicht verstehen.“ Knobloch zeigt mir ein Foto, das auf dem Schreibtisch steht: ihre Familie. Die zwei Töchter, der Sohn, die Schwiegertochter und zwei der sieben Enkel. Die Familie gebe ihr Kraft, sagt Knobloch, „sie ist mein Mittelpunkt“.

Charlotte wächst bei Vater und Großmutter auf. Sie ist zehn Jahre alt, als ihr Name und der ihrer Großmutter auf einer Deportationsliste stehen. Einen Namen kann der Vater streichen lassen, irgendwie. Charlotte überlebt die Schoah auf einem Bauernhof in Franken, versteckt bei der Familie der früheren Hausangestellten ihres Onkels. Die junge Frau gibt Charlotte als ihr uneheliches Kind aus. Der Vater wird zur Zwangsarbeit gezwungen, aber er überlebt. Die Großmutter stirbt in Theresienstadt.  Charlotte Knobloch erzählt ihre Geschichte ohne Stocken, mit nüchternen Worten. Vielleicht ist es nur so möglich, über das Unfassbare zu sprechen. Wie konnte Ihr Vater eine so schwere Entscheidung fällen? „Ich habe nie nachgefragt“, sagt Knobloch. „Ich denke, mein Vater hat nach Rücksprache mit meiner Großmutter entschieden. Ich denke oft an meine Großmutter. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie oft.“ Auf dem Hof geben ihr die Tiere Geborgenheit. Freundschaften mit anderen Kindern schließt sie nicht. Die Familie hat furchtbare Angst, dass sich das Mädchen verplappern könnte. „Aber das wäre mir nicht passiert“, sagt sie. „Ich wusste schon sehr genau, dass das Asyl meine einzige Chance war.“

Wie kann ich einer Frau auf Augenhöhe begegnen, die so etwas erlebt hat? Da ist es wieder – das Gefühl der Schuld, der Scham. „Ihre Scham hilft mir nicht“, sagt sie. „Ihre Generation soll in der Jetztzeit leben, dort Verantwortung übernehmen. Sich ganz energisch gegen die fremdenfeindlichen Auswüchse stellen, die heute passieren.“ Ich weiß jetzt, warum Knobloch auch die bayerische Löwin genannt wird. Sie hat etwas Unnachgiebiges.  Natürlich kann das nerven. Mir imponiert es. So hat sie auch geschafft, was sie „mein Ankommen“ nennt. Von ihrem Büro aus sind die Münchner Wahrzeichen zu sehen, die Türme der Frauenkirche, das Rathaus. Für sie gab es keine Alternative: Das Gemeindezentrum und die Synagoge mussten mitten in München gebaut werden. „Ich saß immer auf gepackten Koffern“, erzählt sie. „Erst bei der Grundsteinlegung habe ich sie ausgepackt.“ Auf dem Schreibtisch steht ein zweites Foto: Knobloch und Ude, der Münchner Oberbürgermeister, wie er ihr die Ehrenbürgerschaft der Stadt München verleiht.

Nach dem Krieg lernt sie ihre große Liebe kennen, den Kaufmann Samuel Knobloch. Die beiden wollen nach Amerika, doch vor der Abreise wird sie schwanger.  Sie bleiben in München, aber unter sich, haben fast nur jüdische Freunde. „Wir wussten ja nicht, was die anderen in der Verfolgungszeit angerichtet haben“, sagt sie. „Das wissen Sie auch nicht von meiner Familie“, sage ich. „Ich denke nicht daran, was die Großeltern der Menschen getan haben, die ich heute treffe“, sagt Knobloch. „Wenn ich mir diese Frage ständig stellen würde – da könnte ich nicht hier leben.“ Ich erzähle Charlotte Knobloch, dass vor meinem Lieblingscafé in Hamburg zwei goldene Vierecke im Gehweg eingelassen sind. In die „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig sind die Namen der Menschen eingraviert, die in dem Haus am Gehsteig lebten, bevor sie von den Nazis ermordet wurden. Diese „Stolpersteine“ gibt es in vielen deutschen Städten. In München nicht. Auch, weil Charlotte Knobloch eine entschiedene Gegnerin ist. Immer, wenn ich die Steine sehe, wird mir bewusst, was da passiert ist in Deutschland.  Charlotte Knobloch ist eine sehr aufmerksame Zuhörerin. Sie ist präsent, ganz hier, in diesem Moment. Sie zögert kurz, bevor sie sagt: „Jeder Fußtritt, der auf einen Namen kommt, tut mir weh. Ich habe als Kind zu oft sehen müssen, wie Menschen mit Füßen getreten wurden.“

Anna Maria Mühe: „Wenn ich drehe, bin ich uneitel“ (Interview, Brigitte Balance 3/2010)

Anna Maria Mühe:

„Wenn ich drehe, bin ich uneitel“

Interview, Brigitte Balance 3/2010

„Wenn ich drehe, bin ich uneitel“. Und Konkurrenzgefühle kennt sie auch nicht. Kann das wahr sein? Die Schauspielerin Anna Maria Mühe über ihr Leben – sportlich gesehen

BRIGITTE: Frau Mühe, Butter bei die Fische: Was darf in Ihrem Leben nicht fehlen – Sport oder Zigaretten?

Anna Maria Mühe: Gemeine Frage. Ich rauche gern und viel, gerade beim Drehen, weil es oft lange Wartezeiten gibt. Aber ich rauche auch mal tagelang nicht. Also gut, auf Zigaretten könnte ich eher verzichten als auf Sport. Der gibt mir ein ganz eigenes Glücksgefühl.

BRIGITTE: Haben Sie schon immer Sport gemacht?

Anna Maria Mühe: Früher schon, vor allem Leichtathletik und Tennis. Aber dann gab es eine längere Pause. Ich habe erst vor zwei Jahren wieder angefangen …

BRIGITTE: Gab es einen bestimmten Grund?

Anna Maria Mühe: Ich war einfach lange lustlos und faul. Dann siegte aber die Lust, wieder dieses bestimmte Gefühl zu haben, das man nach dem Sport verspürt. Jetzt gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio, das ist mein Ding. Ich trainiere im Aspria in Berlin-Charlottenburg, meistens mit einem Trainer, und nach einer knackigen Stunde fühle ich mich einfach super.

BRIGITTE: Müssen Sie als Schauspielerin nicht auch rein aus beruflichen Gründen ein bisschen eitel sein?

Anna Maria Mühe: Natürlich ist mir mein Körper wichtig, aber Sport mache ich nicht für mein Aussehen. Und wenn ich drehe, dann denke ich überhaupt nicht an meine Figur, da bin ich uneitel.

BRIGITTE: Sind Sie eher Einzelkämpferin oder Teamplayerin?

Anna Maria Mühe: Ganz klar eine Teamplayerin. Obwohl, beim Sport vielleicht doch eher Einzelkämpferin. Ich will beim Sport nicht quatschen. Und wenn man zu zweit Sport macht, wird das auch schnell so ein Konkurrenzding. Aber darum geht es ja nicht. Mir jedenfalls nicht. Sport muss Spaß machen.

BRIGITTE: Und wann kommt die Teamplayerin in Ihnen durch?

Anna Maria Mühe: Im normalen Leben. Ich kann mich gut integrieren. Das musste ich auch früh lernen. Wir sind oft umgezogen, Hamburg, München, Wien. Ich habe ständig die Schule gewechselt und musste mich an neue Menschen gewöhnen. Wenn ich da Einzelkämpferin gewesen wäre: Katastrophe!

BRIGITTE: Mannschaftswahl im Sportunterricht – waren Sie gefragt?

Anna Maria Mühe: In der ersten Stunde stand ich doof rum. Die wollten erst mal gucken, was die Kleene so kann. Aber ich war eine schnelle Sprinterin. Also ging es in der zweiten Stunde ganz flott. Ich habe damals gelernt, dass ich offen sein muss. Ich bin es ja, die Teil des Teams werden will, die anderen haben nicht auf mich gewartet. Ich habe versucht, mich anzupassen, ohne mich selbst dabei zu verlieren. Das ist auch heute noch ein ganz gutes Rezept.

BRIGITTE: Haben Sie denn heute einen Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt?

Anna Maria Mühe: Ich bin ziemlich schnell überall zu Hause, wenn meine Freunde auch da sind. Da gibt es nicht den einen bestimmten Ort.

BRIGITTE: Sie sind mit dem Film-Produzenten Matthias Adler zusammen. Ist er ein guter Sparringspartner?

Anna Maria Mühe: Ich bin nicht der Typ, der abends nach Hause kommt und nur über den Beruf spricht. Und Matthias ist es glücklicherweise auch nicht. Meine Sparringspartner in Berufsfragen sind meine Agentin und ausgewählte Freunde, Hannah Herzsprung beispielsweise.

BRIGITTE: Hannah ist wie Sie Schauspielerin. Messen Sie an ihr Ihre Leistung?

Anna Maria Mühe: Das klingt mir zu sehr nach Konkurrenz. Konkurrenz gibt es bei uns nicht. Dafür ist die Freundschaft viel zu dicke.

BRIGITTE: Nie auch nur ansatzweise?

Anna Maria Mühe: Nein.

BRIGITTE: Haben Sie sich diese Gelassenheit antrainiert?

Anna Maria Mühe: Wenn ich dieses Konkurrenzding laufen hätte, egal mit wem, wäre ich nur noch damit beschäftigt. Ausgewählt werden oder eben auch mal nicht ausgewählt werden: Das gehört zu meinem Beruf. Man muss da Gelassenheit lernen, sonst macht man sich verrückt. Natürlich ist das nicht immer ganz leicht. Aber ich freue mich ernsthaft für meine Freunde, wenn sie eine Rolle bekommen. Auch, wenn ich die Rolle selbst gern gehabt hätte.

BRIGITTE: Ist es eigentlich wirklich so, dass Schauspieler meistens auch mit ihresgleichen befreundet sind?

Anna Maria Mühe: Ich habe schon viele Freunde, die beim Film sind. Wir sind aber nicht wegen des Berufs befreundet, sondern weil wir menschlich auf einer Wellenlinie sind. Manchmal hilft die Freundschaft aber auch im Job: weil wir uns über die Schwierigkeiten, die dieser Job mit sich bringt, austauschen können, die Unsicherheit zwischen zwei Engagements beispielsweise. Manchmal fragt man sich ja schon: War`s das jetzt? Wann kommt das nächste Angebot?

BRIGITTE: Für Außenstehende wirken Schauspieler oft etwas speziell und ichbezogen. Ist da was dran?

Anna Maria Mühe: An dem »Speziellen« ist sicher etwas dran, sonst wären wir wohl nicht in diesem Beruf und könnten in teilweise so absurde Rollen nicht reinschlüpfen. Aber ich denke, das Ichbezogene ist nicht Schauspielerspezifisch, das gibt`s überall.

BRIGITTE: Was war denn in letzter Zeit Ihre größte Herausforderung?

Anna Maria Mühe: In meinem neuen Film »In der Welt habt ihr Angst« spiele ich eine Drogenabhängige, der Dreh war heftig, da ich eine junge Frau spiele, die auf Entzug ist. Ich musste auf Kommando zittern und schwitzen. Für die Rolle habe ich mich übrigens auch mit Sport fit gemacht.

BRIGITTE: Dabei sind Junkies doch eher das Gegenteil von fit?

Anna Maria Mühe: Genau, gerade deshalb musste ich für die Rolle extrem abnehmen. Also bin ich gelaufen, ich habe geschwitzt und trainiert wie blöd. Am Schluss hatte ich sieben Kilo runter. Vor den Dreharbeiten hatte ich fünf Tage die Woche Sport. Keine Kohlenhydrate. Keine Pasta, kein Brot. Alles, was lecker ist: Ich musste darauf verzichten.

BRIGITTE: Wie weit würden Sie für eine Rolle gehen?

Anna Maria Mühe: Das kann ich so hypothetisch gar nicht beantworten, aber wenn die Rolle etwas fordert, was unbedingt zu ihr gehört, sollte man ihr den Teil nicht wegnehmen. Selbst wenn er sich für einen fremd anfühlt.

BRIGITTE: Was ist Ihr Dopingmittel für harte Zeiten?

Anna Maria Mühe: Meine Rollen. Die geben mir die Energie.

BRIGITTE: Wie viel Anna Maria Mühe steckt in Ihren Rollen?

Anna Maria Mühe: Ich versuche sehr, mich zu schützen, weil ich weiß, dass die Öffentlichkeit bestimmte Dinge über mich weiß und mich danach beurteilt. Eine Figur bleibt eine Figur – wie viel von mir drin ist und was, sieht am Ende niemand außer mir.

BRIGITTE: Beim Dreh zu dem preisgekrönten Film »Novemberkind « haben Sie in einer Jugendherberge gewohnt. Nach glamourösem Schauspieler-Leben klingt das aber nicht gerade …

Anna Maria Mühe: Das war ein Abschlussfilm einer Hochschule. Das Budget war klein, und wir brauchten es für den Film und um die Leute zu bezahlen, also war Jugendherberge angesagt. Als Hauptdarstellerin hatte ich allerdings das Privileg einer Wohnung. Aber nach drei Tagen bin ich zu den anderen in die Jugendherberge gezogen. Das Team ist wie eine Familie bei so einem Dreh. Man durchläuft zusammen Extreme. Ich bin da ungern allein.

BRIGITTE: Nur beim Drehen oder auch sonst?

Anna Maria Mühe: Wenn ich nicht drehe, kann ich sehr gut allein sein. Das genieße ich dann. Ins Kino beispielsweise gehe ich am liebsten allein. Ich habe ein paar Freundinnen, die quatschen immer rein, da kriege ich die Krise. Und auch in Cafés gehe ich gern mal allein. Wobei ich es nicht mag, wenn ich erkannt werde.

BRIGITTE: Weil Sie angesprochen werden?

Anna Maria Mühe: Das Problem ist eher, dass die meisten mich eben nicht ansprechen. Die sitzen neben mir und beobachten mich. Dann fühle ich mich wahnsinnig unwohl.

BRIGITTE: Sportler träumen von Olympia. Wovon träumen Sie?

Anna Maria Mühe: Ich hatte bis jetzt immer so viel Glück mit meinen Figuren, dass ich immer denke: Ich kann mir nichts mehr wünschen, denn alles Tolle durfte ich schon spielen. Und dann kommt doch wieder ein Hammer

Anna Maria Mühe, Jahrgang 1985, ist die Tochter der Schauspieler Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Beide starben im Abstand von nur einem Jahr an Krebs. Ulrich Mühe 2007, wenige Monate nach seinem Oscar-Triumph mit »Das Leben der Anderen«. Anna jedoch brachte nicht Vitamin B auf die Bühne, sondern eine Kaffeehaus- Begegnung, als sie 15 war: In der Berliner Bar »Route 66« sah die Regisseurin Maria von Heland das blonde Mädchen und buchte sie für ihren Kinofilm »Große Mädchen weinen nicht« – in der Hauptrolle. In ihrem neuen Film »In der Welt habt ihr Angst«, der im Herbst ins Kino kommen soll, spielt sie einen Junkie. Anna Maria Mühe lebt mit ihrem Freund, dem Film-Produzenten Matthias Adler, in Berlin.

Anne-Sophie Mutter: „Scheitern habe ich von meinen Kindern gelernt“ (Interview, Für Sie 2011)

Anne-Sophie Mutter:

„Scheitern habe ich von meinen Kindern gelernt“

Interview, Für Sie 2011

Vor 35 Jahren stand sie zum ersten Mal auf der großen Bühne. Zum Jubiläum sprachen wir mit Anne-Sophie Mutter (48) über Muttersein und Älterwerden.

 

Am 23. August 1976 hatten Sie bei den Musikfestwochen Luzern Ihren ersten großen Auftritt. Was ist Ihnen davon In Erinnerung geblieben?

Dass ich beim Reingehen fast fatal gestürzt wäre.

So hoch waren Ihre Absätze?

So hoch hatte sich der Perserteppich gewellt! Ich hatte flache Schuhe an, mit Riemchen, grottenhässlich. Aber natürlich bestimmten meine Eltern, was ich anziehe. Ich war ja erst 13.

Jetzt sind Sie 48. Mit 45, haben Sie mal gesagt…

… höre ich auf. Ja. Und jetzt geigt die Frau immer noch (lacht). Es gibt in jeder Generation Musiker, die mit dem Zenit im Rücken auf der Bühne stehen. Das sollte mir nie passieren! Also erzählte ich eben irgendwas von wegen mit 45 Jahren … Aus meinem Blickwinkel damals war das uralt. Dann wurde ich 40, 45, und heute, mit 48, fühle ich mich eigentlich immer noch ziemlich gut.

Ist es als Frau schwieriger, in der Öffentlichkeit zu altern?

Es hilft, mit seinem Leben und seinem Charakter im Reinen zu sein.

Sind Sie mit sich Im Reinen?

Ja. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur altersmilde (locht).

Was verändert sich mit dem Alter?

Ich werde gelassener. Aber auch dünnhäutiger. Aber die Dünnhäutigkeit kommt eigentlich nicht vom Älterwerden. Die kam mit der Geburt meiner zwei Kinder. Diese Zerbrechlichkeit, die Dankbarkeit für ein Kind. Das stellt das Leben auf eine ganz neue Basis. Scheitern habe ich übrigens auch von meinen Kindern gelernt.

Scheitern?

Ja. Auf der Bühne würde ich mir Scheitern nie erlauben. Wenn ich an einem Werk scheitern sollte, wird es nicht aufgeführt. Als Mutter aber musste ich sehr früh sehr bescheiden werden. Die süßen Kleinen sind sehr ehrlich.

Was bekamen Sie zu hören?

„Mama, du misst mit zweierlei Maß.“ Manchmal war ich wohl mit meiner Umgebung strenger als mit mir selbst.

Wie sieht der Alltag bei Ihnen aus?

Alltag im Sinne von alle Tage, das gibt es bei uns nicht. Dafür ist mein Berufsleben zu unstet. Aber wir haben natürlich unsere Rituale. Gemeinsame Mahlzeiten, so altmodisch das klingt, finde ich extrem wichtig. Weil wir alle drei viel unterwegs sind, verabreden wir uns inzwischen fest.

Und was gibt’s dann zu essen?

Nudeln. Ich kann tausenderlei verschiedene Pasta machen. Meine Geigenlehrerin war Halbitalienerin, ihr Mann hat sehr viel für mich gekocht, mittags, bevor ich in den Zug stieg. Aus dieser Zeit habe ich sehr viele Rezepte …

Ihre Tochter wird in diesem Jahr 20, Ihr Sohn 17. Fällt Ihnen das Loslassen schwer?

Im Moment geht es mir gut, Arabella und Richard sind ja immer noch viel um mich. Meine Tochter hat ihr eigenes Leben und ist wunderbar selbstständig. Ein bisschen froh bin ich aber doch, dass sie zum Studium in München bleibt.

Sie könnten nun mehr Konzerte geben und länger von zu Hause wegbleiben…

… und das ganz ohne schlechtes Gewissen, ja. Die Wahrheit aber ist: Ich habe auch heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Haus verlasse. Vielleicht liegt es daran, dass ich alleinerziehend bin. Ich muss immer sofort anrufen und mailen.

Und sagen, dass Sie sicher gelandet sind? Sie haben Flugangst. Nicht gerade einfach für jemanden, der um die Welt jettet.

Es ist schon viel besser geworden. Akut war es, als meine Kinder klein waren. Das hing sicher auch mit dem Tod meines Mannes zusammen: Detlef starb, als unsere Kinder ein und drei Jahre alt waren. Fortan gab es immer diesen einen Gedanken: Was, wenn mir jetzt auch noch etwas passiert? Heute bin ich da etwas fatalistischer. Und ich habe einen sehr guten Trick.

Sie spielen im Geist Geige?

Nein, ich bete – hilft immer. Ohne Geige geigen, das mache ich zur Ablenkung beim Zahnarzt.