Archiv der Kategorie: Psychologie

Kommunizieren: Schluss mit dem Eigentlich (Essay, Emotion 9/2014)

Wir benutzen es ständig. Dabei ist es so weich wie Wackelpudding: Das Wort „eigentlich“ sagt nicht, was wir wirklich wollen. Höchste Zeit, es aus unserem Leben zu verbannen. Ein Selbstversuch

Eigentlich ist es ganz einfach: Man macht etwas oder man lässt es bleiben. Dass es doch komplizierter ist, daran ist oft ein einziges Wort schuld. Ich benutze es täglich. Sogar diesen Artikel habe ich damit angefangen. Das Wort heißt ”eigentlich“ – und es ist ein Chamäleon. Hinter ihm verbirgt sich so viel: Sehnsucht und Stress, schlechtes Gewissen und Perfektionswahn. Es ist nur ein Adjektiv, aber es hat großen Einfluss. Das geht nicht nur mir so. Bewusst wurde mir das, als ich vor ein paar Wochen mit einer Freundin chattete. Sie schimpfte über ihre Arbeit: ”Eigentlich sollte ich meiner Chefin sagen, was mich stört!“, empörte sie sich.

Ja. Sollte sie. Warum macht sie es dann nicht? Vielleicht, weil es ihr wie Odön von Horvath geht. Der Schriftsteller prägte den Spruch: ”Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Das Eigentlich steht für unser besseres Ich. Dafür, wie wir sein wollen. Oder wie wir sein sollten – weil andere es (mutmaßlich) von uns erwarten. Aber dann kommt etwas dazwischen. Meiner Freundin etwa ihre Schüchternheit. Mit diesem ”Darf ich mir das erlauben?“-Gefühl kämpfen Frauen übrigens viel häufiger als Männer. Dass wir wissen, was wir tun sollten, aber trotzdem nicht schaffen, es zu tun, ist jedoch ein Garant für schlechte Laune und Selbstenttäuschung. Die meisten kennen das von Diäten: Plötzlich steht man da mit der leeren Schokoladenpackung, dabei wusste man doch genau, was man besser hätte essen sollen…

Ich möchte das nicht mehr! Deshalb habe ich mir eine Eigentlich-Abstinenz verordnet. Aber es ist nicht so einfach, diese Gewohnheit zu entrümpeln. Deshalb schaue ich mir meine Eigentlichs erst einmal genauer an. Um mir klar zu werden: Warum sind sie überhaupt da? Hier eine Auswahl aus meiner aktuellen Sammlung: Eigentlich wollte ich heute mit dem Text für die emotion anfangen. Eigentlich wollte ich mit dem Rad ins Büro fahren. Eigentlich wollte ich Pia schon Sonntag anrufen. Eigentlich sollte ich aufräumen. Eigentlich sollte ich mehr Zeit für mein Kind haben. Eigentlich sollte ich Katja sagen, dass mich ihre Worte verletzt haben. Mit der Zeit merke ich: In meinem Kopf dominieren zwei verschiedene Eigentlichs. Das Erste ist das ”eigentlich wollte ich“, das Zweite das ”eigentlich sollte ich“.

Das ”eigentlich wollte ich“ ist das Einfachere der beiden. Es beschreibt die klassische Aufschieberitis. Wenn ich eine Idee habe, aber noch vor der Umsetzung einknicke. Manchmal ist das sogar gut. Etwa dann, wenn das Wollen in Wirklichkeit gelogen ist. Wenn ich nicht Sport machen, sondern lieber die nächste ”30 Rock“-Staffel schauen will. Anders ist es, wenn ich zwar lustlos bin, das Wollen aber Sinn hat: Weil ich Rückenschmerzen bekomme, wenn ich zu wenig Sport mache, oder einen Auftraggeber verliere, wenn ich einen Artikel nicht pünktlich liefere. Aufschieben gilt dann nicht. Das ”eigentlich wollte ich“ zeigt mir, dass in meinem Leben gerade zwei unterschiedliche Bedürfnisse am Wirken sind und ich mich entscheiden muss. Und zwar mit viel Ehrlichkeit und Nachsicht gegenüber mir selbst.

Bewusst aufschieben oder sofort erledigen? Das sind die Pole, zwischen denen ich wählen muss. Ich male mir also aus, welche Konsequenzen mein Handeln hat, möglichst im Positiven. Etwa so: Wenn ich jetzt mit dem Artikel anfange, kann ich morgen vielleicht eine Stunde früher Feierabend machen. Imagination nennen das die Experten. Was mir ebenfalls hilft, ist, mir etwas bewusst zu erlauben. Wenn ich keine Lust auf Sport habe, ist es in Ordnung, wenn ich aussetze – solange ich hinter der Entscheidung stehe. Ich versuche, Prioritäten zu setzen, und verweise mein schlechtes Gewissen so in seine Schranken.

Schwieriger ist es beim ”eigentlich sollte ich“. Dahinter verbirgt sich einfach zu vieles: Die (von mir angenommene) Meinung der anderen, mein Perfektionismus, meine Sehnsucht und meine Selbstachtung. So viele Verwicklungen, die entzerrt werden wollen. Als Erstes versuche ich mir bewusst zu machen, was mich da genau unter Druck setzt. Dabei hilft mir die Frage: Warum sollte ich? Sie zeigt mir auf, wer oder was mich stresst. Und ob der Druck berechtigt ist. Bei banalen Angelegenheiten klappt das gut, etwa wenn es ums Aufräumen geht. Ich beschließe: Solange ich mich wohlfühle, ist alles im grünen Bereich – egal, was andere vielleicht denken könnten. Geht es nur um mich allein, kriege ich die Verstrickungen gut entwirrt. Komplizierter wird es, wenn andere von meinen Eigentlichs betroffen sind. Etwa bei Konflikten im Job oder wenn ich mich über eine Freundin ärgere und denke: Eigentlich sollte ich meine Meinung sagen. Als eine Kollegin zum Beispiel eine Aufgabe, die sie während meiner Urlaubszeit für mich übernehmen wollte, nicht erledigte, formulierte ich auf dem Weg in ihr Zimmer in Gedanken: ”Eigentlich dachte ich, du…“ Und merkte: So wird das nichts!

Ging es bislang bei meiner Eigentlich-Abstinenz nur um meine unausgesprochenen Gedanken, bin ich plötzlich im Dialog angekommen. Es gibt also noch ein drittes Eigentlich: Das laut ausgesprochene, das leider so flutschig ist wie Wackelpudding. Es ist ein viel zu schüchterner Kritikversuch, der in seiner Zweideutigkeit zu Verstrickungen führt. Schließlich lässt er dem anderen ein Hintertürchen offen. Nach dem Motto: Da hast du halt falsch gedacht! Während das Gedanken-Eigentlich mir helfen kann, Entscheidungen abzuwägen, um so langsam Klarheit zu gewinnen, macht mich das ausgesprochene Eigentlich klein. Ich klinge unterlegen – und werde es deshalb am Ende auch sein.

”Eigentlich sollte da oben noch eine Grafik hin“, sagte ich kürzlich bei der Abnahme eines Textes. Meine Kollegin las daraus: So hatten wir das einmal angedacht, aber wir brauchen die Grafik jetzt nicht mehr. Ich aber meinte: Da soll wirklich noch eine Grafik hin! Und dachte im Verlauf, meine Kollegin hatte keine Lust, sich darum zu kümmern. Am Ende waren wir beide gestresst: Ich fühlte mich unverstanden und meine Kollegin sich zu Unrecht angegriffen. Ein klassischer Fall von Fehlkommunikation! Auch im Privatleben kommt es vor: ”Eigentlich wollte ich den `Tatort‘ schauen“, sagte ich neulich zu meinem Mann, als ich nach dem Kind-ins-Bett-Bringen ins Wohnzimmer kam und er einen Action-Film guckte. Natürlich schaltete er nicht um. Ich war daraufhin beleidigt. Doch als ich ihm davon erzähle, kommt raus: Für ihn war meine Ansage zu unkonkret. Und damit wunderbar geeignet, um sie schlicht zu ignorieren.

Ich merke: Wer ”eigentlich“ sagt, gibt dem anderen einen Interpretationsspielraum. Dabei benutze ich das Wort erstaunlicherweise genau dann, wenn ich weiß, was ich möchte, aber fürchte, mit zu harschen Worten einen Streit vom Zaun zu brechen. Also schiebe ich den Wackelpudding vor, statt meine Wünsche klar zu kommunizieren, wie jeder Rhetorikexperte es im Anfängerseminar rät. Das ist Unsouverän und hört sich nicht nur jammerig an, ich schätze mich selbst so auch nicht wert. Weil ich mich hinter meinem Eigentlich verstecke, statt auf den Punkt zu bringen, was ich möchte und was nicht. Mein Rumgeeiere endet dann genau in dem, was ich verhindern wollte: Streit.

Eigentlich ganz schön doof, oder? Und uneigentlich auch. Die Lösung ist denkbar einfach: Weg mit dem Eigentlich! Sobald es mir inzwischen rausrutscht, schiebe ich schnell hinterher, was ich wirklich möchte oder meine. Ohne herumzueiern. Und das Beste: Es passiert gar nichts Schlimmes – kein Streit, kein Stress, im Gegenteil. Und in Gedanken? Da ist das Eigentlich für mich zu einem guten Indikator geworden. Es signalisiert mir einen innerlichen Widerspruch und hilft mir so, zwischen meinen Wünschen und dem, was andere (vielleicht) von mir wollen, zu unterscheiden. Es sagt mir, dass es Zeit ist, einen Standpunkt zu entwickeln. Indem ich nicht im Eigentlich verharre, sondern über die Folgen nachdenke. Und dann eine Entscheidung treffe.

Wolfgang Schmidbauer: Was von der Liebe übrig bleibt (Interview, Brigitte 22/2011)

Wolfgang Schmidbauer: Was von der Liebe übrig bleibt (Interview, Brigitte 22/2011)

Ein Gespräch mit Deutschlands bekanntestem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer über das, was von der Liebe übrig bleibt: in uns, unseren Wohnungen, unserem Leben

BRIGITTE: Herr Schmidbauer, darf ich die Unterhose meines Ex-Freundes behalten?

Wolfgang Schmidbauer: Ja, natürlich.

Und was sagt das über einen Menschen, der so etwas macht? Nichts.

Nichts?

Ich weiß ja nicht, ob Sie die Unterhose in die Vitrine legen oder als Putzlappen verwenden. Mit dem Objekt einer vergangenen Liebe können Sie tun, was Sie wollen. Es ist jetzt Ihr Eigentum.

Aber was muss nach einer Trennung unbedingt weg?

Und wieder heißt meine Antwort: nichts.

Auch nicht das gemeinsame Bett?

Ein Bett ist ein Bett. Ein Möbelstück, mehr nicht. Wenn man darin nicht mehr schlafen kann, weil immer wieder der Ex-Partner zumVorschein kommt – dann allerdings: weg damit. Dann haben Sie Ihre Emotionen nicht im Griff.  In meiner Beratung sage ich aber auch ganz klar: „Das ist magisches Denken, was Sie da machen.“

Aber hat Liebe nicht immer auch mit Magie zu tun?

Das Verliebtsein, ja, natürlich. Meist ist das, was von einer Liebe übrig bleibt, aber wenig magisch. Eine Hilfe können bewahrte Liebesobjekte natürlich trotzdem sein: Ich ersetze das Unberechenbare der Trennung durch etwas, das ich kontrollieren kann. Nehmen Sie die Unterhose.  Nicht mein Ex-Partner bestimmt, was damit passiert, sondern ich: verbrennen, Putzlappen, Vitrine.

Bei Gegenständen, die ich nach einer Trennung nicht wegwerfe, geht es mir also lediglich um Kontrolle?

Das kann ein Motiv sein, ja. Es zeugt aber vor allem von Reife, wenn man Gegenstände behalten kann, auch wenn der Mensch, mit dem wir sie verbinden, längst aus unserem Leben entschwunden ist.  Denken Sie an Mädchenfreundschaften, da ist so ein Verhalten meist noch unmöglich.  Wenn zwei Mädchen sich zerstreiten, wird oft alles, was sie von der anderen besessen hat, in einen Schuhkarton gepackt und vor die Tür der vor einem Moment noch besten Freundin gestellt.

Ich lösche alles aus, was mich in Zukunft an dich erinnert . . .

Ja. Das ist natürlich eindeutig die primitivere Reaktion.

Die man als Erwachsene überwunden haben sollte?

Es gibt kein Sollte, wenn es um Gefühle geht. Wer alles auslöscht, den Ex-Partner verdrängt, plant das nicht. Diese Menschen können nicht anders. Oft geht die Kränkung, die sie erfahren haben, so tief, dass alles, was sie an die vergangene Beziehung erinnert, eine neue Kränkung ist. Sie schützen sich also mit Nicht-Erinnern.  Damit ist aber auch alles Gute weg.

Wie schaffe ich es, dieses vergangene Gute zu behalten?

Ich kann ehrlich gesagt wenig mit „Wie schaffe ich es?“-Fragen anfangen. Für mich hört sich das zu sehr nach Leistung an. Etwas Gutes aus einer Beziehung zu behalten ist aber keine Leistung, zumindest keine bewusste. Es gelingt, oder es gelingt halt nicht. Das bewusst steuern zu wollen halte ich für gefährlich.

Warum?

Weil dann die absolut perfekte Trennung angestrebt wird.

Klingt doch gar nicht so schlecht.

Theoretisch vielleicht, in der Realität aber ist sie ein schmerzhaftes Ideal. In den meisten Fällen müssen Sie dann nämlich nicht nur mit dem Kummer über Ihre Trennung fertigwerden, sondern auch noch mit dem Kummer, dass Sie diese Trennung nicht perfekt gemeistert haben, wie das die Experten von Ihnen erwarten.  Akzeptieren Sie lieber, dass eine Trennung immer erst mal schlimm ist.  Dass da gerade Scheiße passiert.

Und dann?

Was immer von der Liebe bleibt, sind Erinnerungen, ganz neutral, also unabhängig davon, ob es nun gute Erinnerungen sind oder schlechte, ob ich diese verdränge oder in meinem neuen Leben behalte.

Was sind das für Menschen, die das Positive aus der Beziehung mitnehmen?

Meist Menschen, die schon während der Liebe die Schattenseiten des Partners integriert haben. Wer gesehen hat, dass der andere nicht nur gut und toll ist, sondern auch Schwächen hat, kann sehr viel eher das Gute konservieren. Dass das ein logischer Schritt ist, wird klar, wenn man das Gegenteil betrachtet: Die primitivere Form der Liebe ist eine an Idealisierung gebundene – du bist die Einzige, du bist der Beste. Jemanden, der so toll ist, muss ich mir erhalten. Gelingt das nicht, bricht das Unvollkommene über mich herein. Wäre er wirklich so gut, würde er mir das doch nicht antun! Es bleibt nur die Entwertung. Dann kann und darf nichts bleiben von der Liebe.

Aber ist es nicht normal, den Ex nach der Trennung erst mal abzuwerten?

Man muss zwischen Abwertung und Trauer unterscheiden. Eine Trennung ist erst mal ein Verlust, und ein Verlust ist nun mal traurig. Das muss ich aushalten. Oder ich bäume mich auf. Entwertung ist der Versuch, etwas gegen das Unumkehrbare zu tun. Hinzu kommt, dass es natürlich leichter ist, sich von etwas Wertlosem zu trennen. Das stützt das Selbstwertgefühl.  Was erst einmal vernünftig klingt, aber problematisch ist. Denn Entwertung heißt ja, dass nun etwas schlecht ist, was vorher gut war. Mit der Entwertung des Ex-Partners entwerte ich deshalb auch mich selbst. Ich war es ja, die sich mit dem Arsch eingelassen hat. In meinem Kopf werden dann die Jahre mit ihm nur noch als die Jahre bleiben, die ich mit dem Arsch zusammen war.  Wenn ich aber sehen kann: Der hatte seine Qualitäten, aber es hat eben auch vieles nicht gepasst, dann ist das viel mehr auf dem Boden. Dann wird auch Gutes bleiben, ganz von allein.

Man soll also versuchen, auch aus der schlechtesten Beziehung etwas Positives mitzunehmen?  Nein. Ich finde das sehr problematisch, wenn noch aus dem Schlechtesten etwas Positives mitgenommen werden soll. Da soll ich dankbar sein für den Krebs, die Schläge, die Depression. Das ist Quatsch.

Stalking: „Wenn die Freundin zur Stalkerin wird“ (moderierte Gesprächsrunde, Brigitte 23/2010)

Stalking:

„Wenn die Freundin zur Stalkerin wird“

(moderierte Gesprächsrunde, Brigitte 23/2010)

Stalker sind nicht nur irre Fans oder Ex-Partner – manchmal sind es Frauen, die den schlimmsten Psycho-Terror ausüben. Wie im Thriller „Die Wahrheit über Alice“.  Drei Betroffene, die das Buch gelesen haben, erzählen von ihrem persönlichen Albtraum

BRIGITTE: Wie haben Sie „Die Wahrheit über Alice“ verkraftet?

Telma Sánchez, 35, Gymnasial- Lehrerin: Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen. Erst habe ich den Roman in einem Rutsch gelesen. Und dann bis morgens kein Auge zugekriegt, weil ich so aufgewühlt war. Es ist, als hätte diese Autorin in ihrem Thriller meine Freundin beschrieben, genau diesen Menschen. Der ja längst nicht mehr meine Freundin ist, sondern mein böser Stern. Meine Stalkerin.

BRIGITTE: „Stalking“ ist ein Begriff, der aus der Welt der Jagd stammt, und bedeutet „sich heranpirschen“. Die Alice im Buch sucht sich ihr Opfer gezielt aus. Wurden Sie auch ausgewählt?

Julia Weissen, 39, Lektorin: Ich hab mich sogar fast erwählt gefühlt, damals an der Uni. Ich war stolz auf unsere Freundschaft. Diese Frau fiel immer auf. War schrill, aber auch warmherzig, feinfühlig, immer sehr aufmerksam. Aber dann schlug alles um, und ich musste mich fragen: Warum bin ich ein Baum, an dem sich so `ne Flechte festsetzt? Ich will nie mehr etwas mit diesem Menschen zu tun haben, deswegen will ich in dieser Gesprächsrunde auch nicht zu erkennen sein. Das wär eine Steilvorlage. Stalker suchen immer einen Hebel, um wieder anzusetzen.*

Telma Sánchez: Auf den ersten Blick sind das tolle Frauen. Wie Alice im Buch oder meine Marta. Sie war mein Nach * Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die Namen aller Teilnehmerinnen unserer Gesprächsrunde zu ändern barskind in Spanien, eine Art Schwester für mich. Mit einem wirklich einnehmenden Wesen und sehr schlau. Wir zwei sind zusammen großgeworden, haben alles gemeinsam gemacht, auch unser Studium. Ich lebe jetzt schon lange in Deutschland, aber wir hatten immer einen ganz engen Kontakt. Sie war mein Anker, meine Wurzel in Sevilla.

BRIGITTE: Was ist passiert?

Telma Sánchez: Vor sechs Jahren hat sie einen Typen im Internet kennen gelernt. Als sie zu ihm zog, fing der Terror für mich an. Wenn ich angerufen habe, war der Typ dran. Er hat meine Mails an sie beantwortet. Da habe ich gesagt: „Ich will dich sehen, ich glaub, dir geht`s nicht gut.“ Und dann hat`s nachts um drei geklingelt, und ich hatte diese beiden Verrückten dran, die mich bedroht haben. Wenn ich daran denke, zieht es mir noch heute den Boden unter den Füßen weg.

BRIGITTE: Was hat Ihre Freundin gesagt?

Telma Sánchez: „Du Schlampe“, immer wieder: „Du Schlampe.“ Da kamen Sachen hoch, so alter Kinderkram. Offensichtlich hat sie mich ihr Leben lang beneidet. Da waren nur noch Vorwürfe: Du denkst, du kannst alles besser, du denkst, dir gehört die Welt.

Gundula Maier, 44, Werbekauffrau: Bei mir gab`s eine ähnliche Situation. Ich hatte meiner Freundin einen Job in den USA vermittelt, bei einer Werbeagentur. Ich war dort ein Jahr, sie sollte mich ablösen. Erst war ihr das Hotel nicht gut genug, dann behauptete sie, ich hätte sie mit einer falschen Wegbeschreibung in die Slums gelockt, lauter so komische Geschichten. Und irgendwann rief ein Typ an, der angeblich ihr Vermieter war, und sagte, ich hätte sie um Geld betrogen und wolle ihr Böses. Und sie schrie im Hintergrund: „Pass bloß auf. Er hat `ne Waffe, und die benutzt er auch, wenn du mich nicht in Ruhe lässt.“

BRIGITTE: Hatten Sie Angst?

Gundula Maier: Nein, in diesem Moment nicht, da habe ich mich nur gefragt: Was passiert hier? Warum tickt die so aus? Kurz danach saß sie dann vor meiner Tür und hatte einen Weinkrampf: Ich hätte mich immer für etwas Besseres gehalten, ich hätte sie mit Absicht gedemütigt und klein gemacht.

Julia Weissen: Und plötzlich ist alles kaputt. Du denkst: Immer, wenn wir Spaß hatten, hat sie mich eigentlich gehasst. Da war dir über Jahre ein Mensch so nah, der hinterm Rücken immer ein Messer hatte.

Telma Sánchez: Ich habe das zuerst überhaupt nicht kapiert, damals am Telefon. Ich habe gesagt: „Ich bin`s, deine Telma. Ich bin deine Freundin, was redest du? Ich mach mir Sorgen.“ Und die beiden haben in den Hörer geschrien: „Lass uns in Ruhe, du verbreitest nichts als Lügengeschichten über uns. Wir wissen, wo du wohnst, wo deine Eltern wohnen.“ Und dann hat Marta gesagt: „Ich wünschte, du wärst tot.“

BRIGITTE: Haben Sie die Polizei eingeschaltet?

Telma Sánchez: Ich dachte, das sei schwierig, sie in Spanien und ich hier. Und das war auch erst der Anfang dieser Stalking- Geschichte. Dann kamen die Anrufe, die SMS, Tag und Nacht. Ich hab alles ignoriert, einfach nicht reagiert. Aber ich hab alles gespeichert auf meinem Anrufbeantworter, ich hab alles dokumentiert, auch die SMS. Falls mir was zustößt. Ich war völlig fertig mit den Nerven. Das ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.

BRIGITTE: Sie haben sich genau richtig verhalten und die wichtigsten Tipps für Stalking- Opfer befolgt: nicht ans Telefon gehen, nicht antworten, Beweise sammeln.

Gundula Maier: Und sich schützen, indem man anderen alles erzählt. Man muss sein Umfeld informieren. Die Kollegen, die Freunde, die Familie. Bevor die Stalkerin einem zuvorkommt und mit ihren Verleumdungen und Manipulationen ganz viel kaputtmacht.

Telma Sánchez: Ich hab meiner Mutter gesagt, wenn sie anruft, soll sie sofort auflegen. Sich überhaupt nichts anhören. Kein einziges Wort: Egal, was sie sagt, lass dich auf kein Gespräch ein!

BRIGITTE: Und hat Ihre Stalkerin versucht, Ihre Familie anzurufen?

Telma Sánchez: Meine nicht, aber die Mutter eines sehr guten Freundes. Er ist schwul, war früher unsere dritte Schwester, wenn man so will. Aber seine Mutter wusste von nichts. Und dann hat sie diese Frau angerufen, die Krebs hatte und im Sterben lag, und hat gesagt: „Dein Sohn ist eine Schwuchtel.“ Abgrundtief böse.

BRIGITTE: Auch die Stalkerin im Buch verletzt Menschen, die sich ihr schutzlos ausgeliefert haben, auf grausame Weise . . .

Telma Sánchez: Genau. Und nichts ist schlimmer als diese Angst, dass es da jemanden gibt, der dich im Innersten treffen kann. Der den Menschen wehtun kann, die du liebst. Weil er alles über dich weiß.

Julia Weissen: Ich habe mich nicht in diesem Maße bedroht gefühlt, aber der Vertrauensbruch hat mich trotzdem total erschüttert. Meine Freundin hat mir über Jahre vorgemacht, ihr Leben verlaufe parallel zu meinem – wenn auch immer noch einen Tick besser. Wir haben zusammen studiert, hatten beide eine Promotionsstelle, haben später beide die gleichen Berufspraktika gemacht. Und sogar unser erster Arbeitgeber, ein Verlagskonzern, war derselbe – dachte ich zumindest.

BRIGITTE: Und dieses ganze Leben stellte sich dann als Lügengebäude heraus?

Julia Weissen: Es stürzte ein, als sie erzählte, sie hätte einen Vorschuss gekriegt. Denn als ich auch einen wollte, hieß es in der Buchhaltung: Zahlen wir nie, und diese Frau arbeitet hier gar nicht. Da klackerten bei mir die Münzen durch, viele kleine Ungereimtheiten wurden zum großen Verdacht. Ich hab angefangen zu recherchieren, und alles war gelogen: der Uni-Abschluss, die Promotionsstelle, der Job.

BRIGITTE: Wie schwierig ist es, danach wieder Freundschaften einzugehen?

Julia Weissen: Ich bin sehr vorsichtig geworden. Wenn mir jemand eine Lügengeschichte auftischt, ist es sofort aus.

Gundula Maier: Meine Stalkerin hat mir, nachdem ich den Kontakt abgebrochen hatte, meinen ersten freiberuflichen Job vermasselt. Sie hat meinen Auftraggebern irgendwelche Geschichten erzählt, bis einer der Chefs gesagt hat: „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber du kannst hier nicht mehr arbeiten.“

Julia Weissen: Waren das Sex-Geschichten?

Gundula Maier: Das weiß ich bis heute nicht. Ich wollte eine Aussprache, aber der Chef hat gesagt: „Wir wollen nicht mehr darüber reden.“

Julia Weissen: Das spricht stark dafür. Meine Freundin hat auch viele solche Geschichten über andere erzählt. Das ist so peinlich, so intim. Da schämst du dich schon, dass du das überhaupt weißt. Da gehst du nicht hin und prüfst das nach. Und keiner redet dann mehr offen drüber.

Gundula Maier: Und du kannst dich nicht wehren. Irgendwas bleibt immer an dir kleben. Diese Frauen haben das gut drauf mit der Umkehrung, auch das ist wie bei Alice und ihrem Opfer im Buch: Plötzlich sollst du die Kranke sein. Und wie beweist man Wahrheit? Viele tun diese Art von Stalking dann ab als Zickenkrieg.

BRIGITTE: Und liegen damit falsch. Seit über drei Jahren ist das Anti-Stalking-Gesetz in Kraft. Strafbar macht sich, wer jemandem unbefugt nachstellt und ihn bedroht. Egal, ob Ex-Partner oder frühere Freundin.

Telma Sánchez: Marta wird nie aus meinem Leben verschwinden. Sie ist jetzt nicht mehr mit diesem Mann zusammen, lebt wieder bei ihren Eltern. Jedes Mal, wenn ich heimkomme, ist sie im Haus nebenan.

BRIGITTE: Was passiert, wenn Sie sich über den Weg laufen?

Telma Sánchez: Wenn ich sie auf der Straße treffe, ignoriere ich sie. Ich bete: Lass sie nicht zu mir kommen. Vor allem jetzt, wo ich zwei kleine Kinder habe, die immer dabei sind. Jetzt bin ich noch angreifbarer. Und das weiß sie. Sie hat mich angerufen, wollte sich entschuldigen und mir erklären, dass sie Drogen genommen hat und völlig fertig war. Sie versucht, die schönen Zeiten unserer Freundschaft heraufzubeschwören.

BRIGITTE: Auch das verbindet sie mit der Alice aus dem Buch, sie verdreht alles zu ihren Gunsten: Mir ging`s so schlecht, das musst du doch verstehen, wenn du meine Freundin bist. Du fehlst mir so . . . Macht Sie das immer noch fertig?

Telma Sánchez: In ihrer letzten Mail hat Marta geschrieben: „Ich weiß, du hast ein schönes Leben mit deinem Mann und deinen Kindern. Auch wenn du keinen Kontakt mehr zu mir willst, werde ich immer wissen, wie`s dir geht. Stell dir vor, ich bin dein Stern, der über dir schwebt und dich beobachtet.“ O Gott, diese Vorstellung ist für mich der totale Albtraum.

Moderation: Madlen Ottenschläger und Angela Wittmann

Kinderwunsch: „Ich will ein zweites Kind“ (Protokoll, Eltern 1/2012)

Kinderwunsch:

„Ich will ein zweites Kind“

(Protokoll, Eltern 1/2012)

Yvonne Hintze (Name von der Redaktion geändert), 38, verheiratet, eine Tochter, Marie, 19 Monate, möchte noch ein Baby. Wieder per IVF

Dass es Marie gibt, ist ein Geschenk. Fünf Jahre haben mein Mann und ich auf unsere Tochter gewartet. Fünf Jahre, in denen sich fast alles in unserem Leben um das Thema Kinderwunsch drehte: Sex nach Plan, Hormonbehandlung, zwei Fehlgeburten, drei künstliche Befruchtungen.

Bei der vierten hat es geklappt. Ich habe es nicht einmal gemerkt. Am Abend vor dem Testtag bekam ich meine Periode, sehr leicht nur, aber da war es wieder: dieses fiese Rot, das alle Hoffnung zunichtemacht. Am Morgen danach habe ich doch noch einen Test gemacht. Eine Linie, eh klar.

Ich habe das Stäbchen in den Müll gepfeffert. Ohne die notwendige Wartezeit zu beachten! Ein paar Stunden später habe ich nochmals draufgeschaut. Und war tatsächlich schwanger.

Marie ist inzwischen 19 Monate alt. Sie ist ein fröhliches Kind, das gern lacht. Ja, ich bin glücklich. Ja, ich bin dankbar.

Und doch ist da etwas in mir, das nagt: Mein Mann und ich wünschen uns ein zweites Kind.

Nachdem ich abgestillt hatte, Marie war sechs Monate alt, haben mein Mann und ich es erst einmal auf natürlichem Weg probiert. Die Chancen standen schlecht: Die Spermienqualität meines Mannes ist nicht besonders gut, ich selbst habe Endometriose.

Wir haben trotzdem gehofft, dass es klappt, einfach so. Das hört man ja immer wieder: Kaum ist das erste Kind da, kommt – „rumms“ – das zweite. Weil der Druck raus ist.

Bei uns gibt es kein „Rumms“. In einem Monat werde ich eine Hormonbehandlung beginnen.

Die Freunde, mit denen wir über unseren Wunsch sprechen, reagieren gemischt. Die einen finden es ganz toll, dass wir ein zweites Kind wollen. Weil sie sehen, wie wir mit Marie umgehen.

Vielleicht auch, weil sie Respekt haben vor dem Leben anderer, vor deren Wünschen und Sehnsüchten. Andere haben weniger Verständnis. Da bekomme dann hauptsächlich ich zu hören: Warum willst du dir das noch mal antun? Ganz oft schwingt mit: Sei zufrieden, du hast doch schon ein Kind.

Einmal sagte eine Freundin: Eigentlich müsstest du doch glücklich sein. Da bin ich richtig sauer geworden. Was soll dieses eigentlich? Als dürfte ich nicht mehr wollen vom Leben.

Warum darf ich mir kein zweites Kind wünschen? Nur weil es beim ersten so verdammt schwierig war? Oder weil ich schon eins habe? Das verstehe ich nicht.

Für meinen Mann und mich hat Familie immer bedeutet, mehr als ein Kind zu haben. Wir haben beide Geschwister. Wir wollen nicht, dass Marie als Einzelkind aufwächst. Und: Es ist so toll, ein Baby zu haben. Anstrengend natürlich auch. Aber vor allem schön: wenn plötzlich das erste Wort kommt, der erste Schritt … Das möchten wir ein zweites Mal erleben.

Ich weiß, dass aus so manch verletzendem Spruch auch Sorge spricht. Die Zeit, in der mein Mann und ich versucht haben, schwanger zu werden, war nicht leicht, auch nicht für unsere Freunde. Ich habe mich verändert. Durch die Hormone habe ich zugenommen, bin empfindlicher geworden. Ich war nicht mehr die immer fröhliche Yvonne. Hoffen und bangen macht mürbe.

Ich wünsche mir sehr, dass es diesmal anders wird. Dass ich mich nicht so hineinsteigere in das Thema. Denn trotz meiner Entschlossenheit bin auch ich ambivalent: Manchmal habe ich Angst, dass ich mir die Zeit mit Marie kaputt mache, weil ich zu viel Energie auf ein zweites, noch ungeborenes Kind lenke.

Aber wenn wir es nicht probieren, bliebe da immer der Gedanke: Was wäre, wenn …

Seit ein paar Monaten gehen mein Mann und ich zu einer Therapeutin. Es tut gut, mit ihr über unsere Gefühle zu sprechen.

Ich bin froh, dass wir diese schwere Zeit, die eine künstliche Befruchtung einfach mit sich bringt, nicht allein durchstehen müssen. Die Therapeutin wird, so hoffe ich, auch merken, wenn ich anfange, mich selbst zu verlieren. Aber so weit wird es bestimmt nicht kommen. Denn diesmal haben wir uns eine Frist gesetzt: Wenn ich 40 werde, hören wir definitiv auf. Uns bleibt ein gutes Jahr. Das sind drei Versuche. So viel, wie die Krankenkasse bezuschusst.