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„Nicht ohne meine Insel“ (Protokolle, Geo Special 1/2010)

„Nicht ohne meine Insel“ (Protokolle, Geo Special 1/2010)

Der eine suchte Vergnügen und fand seine Berufung, der andere möchte in der Isolation aus Kriminellen bessere Menschen machen. Sechs Insel-Enthusiasten schildern, wie ein beschränkter Lebensraum die Sicht auf die Welt weiten kann

AUFGEZEICHNET VON MADLEN OTTENSCHLÄGER

DR. DAVE JENKINS, geboren 1959, Gründer der Hilfsorganisation Surf Aid: ICH STEHE um kurz nach fünf auf, packe mein Board, suche die Wellen, denn Surfen kann ich nur vor der Arbeit.  Viele Dörfer, in denen wir helfen, sind nah dran an den guten Surfspots der Mentawai-Inseln. Als ich im Oktober 1999 das erste Mal hierherkam, ging es mir nur um den Glückscocktail, den jeder Surfer kennt. Eine Welle reiten ist ein unglaubliches Gefühl. Du bist eins mit dir, eins mit der Natur.  Ich war berauscht von der Schönheit dieser Inseln. Der weiße Sand, der Regenwald, diese Wellen!  Nach ein paar Tagen aber habe ich mein Luxuscharterboot verlassen und bin ins Landesinnere gefahren.  Als Arzt siehst du es sofort:  Masern. Durchfall. Malaria.  Das sind Krankheiten, die man gut behandeln kann.  Wenn man sie behandelt.  Aber da war kein Arzt.  Ich kündigte meinen Job als Gesundheitsmanager, ging zurück in meine Heimat Neuseeland und gründete im Januar 2000 die Non-Profit-Gesundheitsorganisation Surf Aid. Mich ließ das einfach nicht los: dieser krasse Gegensatz, die Armut der Einheimischen auf dem Land, das Lebensglück der Surfer auf dem Wasser. Wenn wir dort unseren Spaß haben, dann müssen wir auch helfen – das war mein Plan.  Viele Krankheiten auf Mentawai entstehen durch Unwissen. So dachten die Einheimischen zum Beispiel, dass Malaria nicht durch Moskitos übertragen wird, sondern durch die Milch der Kokosnuss. Oder:  Jedes Neugeborene wird gleich mit einer Infektion in der Welt begrüßt, indem seine Nabelschnur mit einem Stück dreckigem Bambus durchtrennt wird.  Dass SurfAid dort ansetzt, ist heikel. Du kommst als Weißer und sagst, was falsch läuft. Deshalb haben wir mit einem kleinen Malaria- Projekt angefangen, Moskitonetze verteilt, Musicals für Kinder aufgeführt, in denen wir erklärt haben, wie Malaria entsteht. Und wir haben mit den Menschen geredet. Die Surf Aid- Mitarbeiter sind fast ausnahmslos Indonesier, sie kennen die Mentawai-Kultur.  Es ist kein Wissen, das von oben herab vermittelt wird. Es soll Hilfe zur Selbsthilfe sein.

SCHWESTER MARIA LAY, geboren 1943, Provinzoberin der Franziskanerinnen des Klosters St. Clemens auf der Rheininsel Nonnenwerth: ICH KÖNNTE mein spirituelles Leben an jedem anderen Ort leben. Aber diese Insel macht es leichter.  Als ich nach Nonnenwerth kam, war ich gerade 21. Ich saß oft auf einem Stein am Ufer, sah den Rhein, das lebendige Wasser – aber auch das Festland. Dorthin wollte ich, zu den Menschen.  Wenn sie sehr jung hierherkommen, fühlen sie sich abgeschnitten. Deshalb arbeitete ich 16 Jahre auf dem Festland, als Krankenschwester.  Heute genieße ich es, hier zu sein.  Nonnenwerth ist zwei Kilometer lang, 200 Meter breit. Keine Autos, keine Straßen, nur Wege. Gestern sagte mir eine Frau:  „Als ich Ihre Insel betreten habe, ließ ich meine Sorgen hinter mir.“ Dass Nonnenwerth als „heile Welt“ erlebt wird, höre ich häufig.  Ich selbst benutze den Begriff nicht so gern. Aber Besucher empfinden es so.  Sie lassen sich mit unserer Fähre übersetzen, gehen ein paar Schritte vom Anlegesteg in Richtung Kloster unter riesigen alten Bäumen entlang. Sie spüren:  Hier hat sich die Welt ein Stück zurückgezogen.  Trotzdem ist Nonnenwerth kein reines Idyll.  Nicht tagsüber, da sind etwa 700 Schü lerinnen und Schüler auf der Insel, sie besuchen unser Gymnasium, dazu die Lehrer, wir Schwestern, die anderen Mitarbeiter und die Kloster- Be sucher. Arbeitsalltag wie überall sonst. Ich verstehe es so: Wer zu uns kommt, für ein Wochenende, für ein paar Tage, hat das Bedürfnis, heil zu werden, Ab stand vom Alltag zu gewinnen, nachzudenken.  Dafür ist Nonnenwerth ein guter Ort.

NIENKE KROOK, geboren 1983, Studenting aus den Niederlanden und Mitglied bei der Internet-Gemeinschaft „Tribewanted“, lebte zwei Monate auf der Fischi-Insel Vorovoro: ICH STEHE MIT DER SONNE AUF und gehe mit ihr schlafen. Morgens bade ich im Meer. Gegen neun kommen wir alle zusammen.  Dann erklärt unser Häuptling auf Zeit die Projekte des Tages: Wir reparieren die Käfige für die Hühner, sammeln Feuerholz oder bauen ein neues Schlafhaus. Vor ein paar Tagen sind wir mit dem Boot nach Mali gefahren und haben für die Fidschis den Meke aufgeführt, ihren traditionellen Tanz. Ein unglaubliches Gefühl.  Wir bringen ihren Tanz!  Für sie!  Begonnen hat alles im Internet.  „Tribe wanted“ ist ein Community- Projekt, ein virtueller Stamm, der eine reale Insel gepachtet hat, Voro voro in der Südsee. Die Idee: Mitglieder aus aller Welt leben abwechselnd auf der Insel, höchstens 30 zur gleichen Zeit, fernab der westlichen Zivilisation, im Einklang mit den Einheimischen vom Yavusa-Stamm und der Natur. 220 Euro kostet die Mitgliedschaft pro Jahr, eine Woche Inselleben inklusive.  Auf Vorovoro geht es um das Miteinander, das gefällt mir. Ich mag auch, dass „Tribewanted“ so demokratisch ist. Über die großen Dinge stimmen wir im Internet ab, darüber, wer der nächste Chief wird zum Beispiel, oder über den Bau eines Wassertanks. Über Alltägliches entscheiden wir auf der Insel.  Ich träume davon, einmal Häuptling zu sein und einen Monat die Geschicke der Insel zu lenken, das wäre cool.

JOHN MICHAEL BEAUMONT, geboren 1927, Seigneur von Sark, der viertgrößten Kanalinsel: ICH WAR DER LETZTE FEUDALHERR EUROPAS.  Als Seigneur habe ich Sark seit 1974 regiert.  Das ist vorbei, seit 2008 haben wir ein gewähltes Parlament. Ich habe an Macht verloren, natürlich, aber es war Zeit für eine Veränderung. Mehr als 400 Jahre lang oblagen sämtliche Entscheidungen dem Seigneur, einem Rat von 40 Grundbesitzern und zwölf gewählten Deputierten.  Die Mehrheit der 600 Inselbewohner haben wir nicht mehr repräsentiert.  Trotzdem: Die Uhren auf Sark gehen anders, immer noch. Autos sind auf der Insel verboten. Freunde besuche ich zu Fuß oder mit dem Rad. Weil die Straßen nicht geteert sind, werde ich im Sommer ein bisschen staubig, im Winter matschig. Mich stört das nicht. Lässt es das Wetter zu, schwimme ich im Meer. Nicht für die Fitness. Sondern für mein Vergnügen.  Wenn meine Frau und ich unsere Söhne besuchen – sie leben beide in England -, vermissen wir die Stille, auch für die Augen. Wann haben Sie zuletzt einen Sternenhimmel gesehen? Auf Sark gibt es keine Straßenbeleuchtung, die den Blick ablenkt.  Obwohl ich nicht mehr offizieller Insel- Regent bin, trage ich noch den Titel des Seigneurs, was mit einigen Pflichten verbunden ist. Sark gehört nicht zu Großbritannien, sondern ist direkt der Krone unterstellt. Die Insel ist ein Lehen des Königshauses, jährlich bezahle ich Queen Elizabeth II um gerechnet knapp zwei Euro und 50 Cent – der Betrag wurde nie an die Inflation angepasst.  Doch seit wir ein Parlament haben, muss ich nur noch selten zu Meetings.  Zwei sind es diese Woche: Wir beraten, ob die Inselschule Computer braucht, und bereiten den Besuch von Prinz Edward vor. Die Queen selbst war schon dreimal auf Sark. Und mit ihrer Mutter, der Queen Mum, haben wir schon Tee in der Seigneurie, unserem Wohnhaus, getrunken.

FARHAD VLADI, geboren 1945, Inselmakler und Inhaber von Vladi Private Islands in Hamburg: ICH HABE MIR SCHON ALS KIND vorgestellt, wie es sein muss, ganz allein auf einer Insel zu leben.  Meine Sehnsucht speiste ich aus Büchern – „Robinson Crusoe“, „Die Schatzinsel“, was Jungen eben so lesen. Im wahren Leben kannte ich nur Capri, aber da kam kein Inselgefühl auf.  Anders auf For syth Island. Seit 18 Jahren gehört mir die neuseeländische Insel, acht Millionen Quadratmeter groß, und als ich sie das erste Mal betrat, wusste ich sofort: Das ist es.  Auf Forsyth Island kann ich mich nie entscheiden, wo ich hingehen soll – es ist über all so schön. Meine Kinder lieben die Milchbergziegen, ich mag die Kieselsandstrände und die Bäume, manche von ihnen sind mehr als 500 Jahre alt.  Sechs Wochen im Jahr leben meine Familie und ich auf For syth Island, die restliche Zeit verkaufe ich Inseln. In mehr als 30 Jahren habe ich über 2000 vermittelt.  Ein Diener der Reichen bin ich aber nicht. Wer sich ein Mittelklasseauto leistet, der kann auch eine Insel kaufen. Natürlich, nach oben gibt es kein Limit: 30 Millionen Euro kostet zum Beispiel Great Hans Lollik Island auf den Virgin Islands. In Nova Scotia, Kanada, sind kleine Inseln aber schon ab 60 000 Euro zu haben.  Ich reise viel, schaue mir Inseln an, überlege: Ist die Region politisch stabil? Gibt es Trinkwasser?  Meine Kunden träumen meistens von einer Insel mit weißem Sandstrand, Palmen und immer gutem Wetter, bloß kein Regen, denn davon haben wir in Hamburg ja genug! Da muss ich dann sagen: Wenn es keinen Regen gibt, dann kann auch die Palme nicht wachsen. Wir leben in einer Kompromisswelt.

ARNE KVERNVIK NILSEN, geboren 1951, Direktor der norwegischen Gefangeneninsel Bastoy im Oslo-Fjord: AUF BASTØY wird keine Tür verschlossen. Das ist zwar nichts Besonderes für eine 2,6 Quadratkilometer große Insel.  Für eine, auf der Vergewaltiger und Mörder, Totschläger und Wirtschaftskriminelle leben, aber sehr wohl. Bastøy ist das Alcatraz Norwegens, 115 Gefangene haben wir derzeit, aber keine Zellen. Als Gefängnisdirektor höre ich oft: „Deine Verbrecher liegen nach der Arbeit am Strand, baden im Meer, ist das gerecht?“ Ich sage dann: Würden Sie später lieber Haus an Haus mit einem Menschen leben wollen, der über Jahre in eine Zelle gesperrt war? Für die Gesellschaft ist Sicherheit das Wichtigste. Die Gefangenen kommen eben irgendwann zurück in die Gesellschaft, hoffentlich voll Reue, aber nicht zerstört.  Wer in Bastøy seine Strafe absitzen will, muss einen Plan für sein Leben danach haben. Und er muss sich in die Gruppe integrieren. Die Häftlinge bauen Gemüse an oder kümmern sich um die Tiere; wir haben Hühner, Pferde, Schafe, Kühe, Schweine. Andere arbeiten in der Forstwirtschaft, beim Fischfang oder besuchen die Schule. Ich sitze in meinem Büro, rede aber auch sooft wie möglich mit den Gefangenen. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem Mörder unterhalten.  Er half bei einer schwierigen Geburt, das Kalb lag falsch herum. Die Kuh starb, doch das Kalb konnte er retten.  Er sagte: „Ich habe noch nie ein Leben gerettet, das fühlt sich gut an.“ In solchen Momenten weiß ich, dass unser Konzept richtig ist.  Manchmal, wenn ich nachdenken muss, setze ich mich vor den alten Leuchtturm und schaue aufs Meer, rau und mächtig ist die Nordsee hier, ein Ort, an dem sich Land, Wasser und Himmel treffen. Und irgendwo dazwischen ich kleiner Mensch. Dort, am äußersten Rand von Bastøy, komme ich zu mir. Das wünsche ich auch den Häftlingen, viele schicke ich an diesen besonderen Ort.

Meditationswanderung: „Auf dem richtigen Weg“ (Reportage, Brigitte 11/2011)

Meditationswanderung:

„Auf dem richtigen Weg“

Reportage, Brigitte 11/2011

Den Waldduft riechen und dem Fluss zuhören: Beim Wandern kommt man der Natur ganz nah. BRIGITTE-Redakteurin Madlen Ottenschläger schärfte ihre sinne auf dem Meditationsweg in den Ammergauer Alpen 

Von wegen Stille, in meinem Kopf rummst und dröhnt es. „Leg dich hin“, hat Joachim Renz gesagt. Er ist der Coach. Also liege ich auf meiner Regenjacke, die Augen geschlossen, unter mir grauer Fels, neben mir die brausende und zischende Ammer.
Eben noch, mit offenen Augen, war sie ein nettes Flüsschen fast ohne Ton. Ich habe sie gesehen, als Gesamtbild- und „Ach wie schön!“-Panorama. Sie wirklich wahrgenommen, das habe ich nicht. Nur schauen, warten, hören, fühlen: Manchmal denke ich, ich habe das verlernt. Ich bin ein Stadtmensch, ich bleibe viel zu selten stehen. Und so wie in der Stadt war ich bisher auch auf dem Land unterwegs.

Obwohl ich dort doch auftanken möchte, rauskommen, nicht nur physisch.
Trotzdem nehme ich meine Gedanken, den ganzen Stress, viel zu oft mit.

Diesmal will ich nicht nur aufs Land fahren, ich will wirklich dort sein. Dafür habe ich mir den „Meditationsweg Ammergauer Alpen“ und Joachim Renz ausgesucht. Der hat früher Immobilien verkauft, heute ist er Wanderführer und Entspannungs-Coach.

An einem kühlen Morgen brechen wir auf, knallblauer Himmel oben, ein schmatzender, vom Nachtregen getränkter Boden unten. Ein Bauer kommt uns entgegen, „Grüß euch“, sagt er. Ein Feldkreuz am Wegesrand, die Berge am Horizont haben noch puderweiße Spitzen.
So hoch wollen wir aber nicht, der Meditationsweg ist keine hochalpine Tour. Er schlängelt sich durch lichte Wälder und über sanfte Bergketten, an stillen Seen und Moorlandschaften vorbei. Nur einmal wird es gut bergauf gehen: auf die Hörnle-Gruppe. Der Gipfel ist mit 1548 Metern der höchste Punkt der Tour. Wir wandern zügig. Schweigend. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet, ich will nicht über eine der zahllosen Wurzeln fallen.
Es sind alte Wege, auf denen wir gehen, Wanderwege, die es schon seit Jahrzehnten gibt.
Vor zwei Jahren wurden sie mit Schildern neu verbunden, 15 Stationen bestimmt. Das sind Orte, an denen Gläubige zu einer Wallfahrt oder Prozession zusammenkommen: die Fatima kapelle, die Klosterkirche in Ettal. Es sind aber auch Naturgewalten, Orte, nicht zu Gottes Ehren von Menschenhand gemacht, sondern aus der Natur entstanden. Die Ammerquellen. Der Soier See. Das Hörnle.

„Die Menschen“, sagt Joachim Renz, „kommen zu den Passionsspielen nach Oberammergau. Oder sie rennen auf den nächsten Gipfel. Aber bei uns gibt es viel mehr. Und vor lauter höher und schneller sehen sie es nicht.“ Ich spüre meine Waden. Station 4. Scheibum. Es rauscht und tost, grün ist das Wasser, rau und wild. Die Ammer peitscht durch die Felsenschlucht. Lange vor unserer Zeit hat sie sich ihren Weg gebahnt: „Scheib-um“. Man kann sich das wohl wie einen Strudel vorstellen, eine drehende Wasserscheibe, ohne Abfluss. Immer tiefer grub sich das Wasser in den Felsen hinein. Und dann: Die Ammer reißt sich ihren Weg, jagt durch die Felsen.

Etwas abseits steht eine Informationstafel, darauf ein Spruch des chinesischen Philosophen Laotse: „Dass Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln.“ Wir gehen an den Fluss. Joachim Renz zeigt mir diese Stelle, die so ruhig ist, so friedlich – bis ich meine Regenjacke ausziehe. Meine Augen schließe. Und endlich mal richtig höre.

Eineinhalb Tage war ich mit Joachim unterwegs, eineinhalb bin ich allein gegangen. Weil ich wissen wollte, wie das ist: allein draußen unterwegs sein. Ohne Gespräche, nur ich und der Weg. Dass ich die 15 Stationen nicht schaffe, war klar. In einem Gasthof haben Joachim und ich einem älteren Mann beim Zitherspielen zugehört. In Oberammergau bin ich in einer Holzschnitzerei versumpft. Und immer wieder habe ich meine Regenjacke ausgezogen und mich auf den Boden gelegt. Anfangs kam ich mir dumm vor dabei, beobachtet. Bald war es mir aber egal.

Einmal, als ich die Augen wieder aufgemacht habe, habe ich zwei Rehe gesehen.

Wandern mit Kind: „Berge mit Baby“ (Reportage, Eltern 9/2013)

Wandern mit Kind:

„Berge mit Baby“

Reportage, Eltern 9/2013

Rund um Berchtesgaden gibt es imponierende Gipfel, die ELTERN-Autorin Madlen Ottenschläger und ihr Mann bezwingen wollten. Geht das auch mit Baby? Die beiden und Tochter Siri, acht Monate, haben es ausprobiert.

Mein Herz pumpert, als hätte ich gleich ein Tête-à-Tête mit Jude Law. Es ist aber mein Mann, der an der Wegbiegung auf mich wartet. „Soll ich Siri nehmen?“, fragt Marcus. „Ja!“, brüllen meine Nackenmuskeln.

„Passt schon“, keuche ich.

Siri, acht Monate, 7,5 Kilogramm schwer, schmiegt sich im Baby-Carrier an meine Brust und meinen Bauch und schläft. Jetzt ein Wechsel, mitten am Berg? Und dann: ein Baby, das wach ist und brüllt? Wer, bitte, hat denn entschieden, dass wir diesen Weg wandern, gleich am ersten Tag? Einsamer und schöner zwar als der „Touristen-Steig“, den die meisten gehen, aber eben auch steil bergauf. Und warum nur habe gerade ich jetzt Siri-Schicht?

Wir sind in den Berchtesgadener Alpen unterwegs, es ist unser erster Wanderurlaub mit Baby. Wir wollen auf den Jenner, 1874 Meter hoch. Klar, wir haben erst an der Mittelstation mit dem Aufstieg begonnen. Macht aber immer noch 750 Höhenmeter bis zum Gipfel. Für geübte Wanderer, was wir bis vor Siris Geburt waren, kein Problem. Doch mit Baby ist alles anders.

Das fing schon heute Morgen beim Rucksackpacken an. Unsere eiserne Bergsteiger- Regel lautete bislang: Jeder trägt sein Gepäck selbst. In unserem Zimmer in der Jugendherberge lagen dann vor uns: eine dünne Decke (Krabbeln, Kälte), Wechselkleidung für Siri (Body, Hose, T-Shirt, Long-Shirt, Strickjacke, dicke Jacke, dicke Socken), Marcus‘ und meine Regenjacke, ein Pulli (ich), ein T-Shirt (Marcus), Windeln, Wickelunterlage, Sonnencreme, Wasser (für Siri, für uns), drei Babygläschen. Daneben: ein Rucksack.

Schließlich muss einer von uns Siri tragen. „Wir könnten heute Mittag auf einer Alm essen“, schlug Marcus vor.

Ich nickte. Für Vesper hatten wir im Rucksack wirklich keinen Platz mehr.

Der Schwächste bestimmt das Tempo.

Für diese Regel gibt es keine Baby- Abwandlung. Weil wir anhand der Keuch- Skala messen, habe ich das Sagen. „Pause!“, rufe ich und setze mich auf einen mit Moos bewachsenen Felsbrocken. Der Blick ins Tal ist grandios. Am Horizont ein Fitzelchen des Königssees, sattes Grün und das stolze Grau der aufragenden Berchtesgadener Alpen. Davon will ich mehr. Aber so weitergehen kann ich trotzdem nicht. Vorsichtig öffne ich die Carrier- Schnalle. Siri reißt die Augen auf. Schaut mich an, schaut Marcus an. Und schläft zwei Minuten später an Marcus‘ Bauch einfach weiter. Ich sehe schon: Unser Kind ist eine begeisterte Wanderin.

Auch später, als Siri wach ist, hat sie Spaß. Der Weg ist größtenteils schattig, darauf hatten wir beim Planen aus Babyhaut- Gründen geachtet. Und Siri hat was zu gucken: Neben und über ihr bewegen sich Blätter, Zweige und Äste im Wind, sie quietscht vergnügt und darf natürlich immer wieder fühlen.

„Schau mal, Siri, die Kuh!“, ruft mein Mann unserem Stadtkind zu. Wir sitzen auf der Mitterkaser-Alm, vor uns Würstel, ein Stückchen weiter reckt eine braun-weiß gefleckte Kuh ihren Kopf über den Zaun. Siri lacht begeistert – mit dem Mann am Nachbartisch. Tiere sind unserem Kind piepegal. Sie liebt Menschen und Grimassen.

Früher wanderten wir gern von Hütte zu Hütte, Almabende mit Kartenspielen inklusive. Mit Baby zählt anderes. Etwa, dass unsere Tochter sich nicht Nacht für Nacht an ein neues Bett gewöhnen muss und beim Frühstück und Abendessen auch mal laut sein darf. Selber kochen wollten wir nicht, dafür beim Essen andere Familien um uns haben. Ein Familienhotel also? Klang für uns irgendwie spießig. Und zu teuer sollte die Unterkunft auch nicht sein.

Also schlafen wir in der Jugendherberge in Berchtesgaden. Was kein Schullandheim- Revival mit Hagebuttentee ist.

Sondern Luxus: Unser Quartier ist die erste Design-Jugendherberge Deutschlands.

Das Galeriezimmer, in dem wir wohnen, geht über zwei Ebenen, mit Bad, Balkon und Doppelbett für uns allein. Unserem Kind gefällt, dass es auf dem Holzboden so gut robben kann. Uns gefällt, dass die Möbel aus Lärche und sehr stylish sind, aber ohne Schnickschnack, der ja doch nur in Siris Mund landen würde.

Oje, wir haben uns auf der Mitterkaser- Alm verhockt. Vielleicht haben wir auch schon vor den Würsteln zu oft Pause gemacht.

Wickeln, füttern und mit Siri auf der Decke liegen und spielen, das dauert.

Als wir an der Jenner-Bergstation stehen, ist es bereits später Nachmittag. Von hier wollen wir mit der Gondel ins Tal schweben.

Nach dem Gipfel, natürlich. Eine halbe Stunde bergauf ist es noch bis zum Jenner-Kreuz, sagt der Wegweiser. In knapp zwei Stunden geht die letzte Gondel.

Zeit genug also für den Gipfelsturm.

Doch Siri ist total nass geschwitzt.

Der Papa-Bauch-Schweiß hat sich auf unsere Kleine übertragen, das letzte Stück Weg von der Mitterkaser-Alm zur Bergstation war in der Sonne. Also umziehen, und zwar beide! Danach ist Siri quengelig. Heult erst, dann turnt sie wie aufgezogen auf meinem Schoß …

Wir setzen uns ins Bergrestaurant Jenner, bestellen zwei Espressi und streichen wieder eine Regel aus unserem persönlichen Wandergesetzbuch: Der Gipfel ist das Ziel. Dafür gibt es Kuchen und den perfekten Panoramablick – aus der Gondel.

Am Abend sitzen Marcus und ich im parkgroßen Garten der Jugendherberge und betrachten den Watzmann. Siri ratzt neben uns in ihrem Kinderwagen. Sie ist sofort eingeschlafen, erschöpft von Almen, Gondeln, Kühen und der siebenjährigen Franzi, die beim Abendessen mit ihrer Mutter am Nachbartisch saß und Siri mit einem Wollschaf begeistert bespaßte.

Jetzt liegt die Wanderkarte vor uns.

Mein Mann und ich gehen die Touren durch, die wir zu Hause ausgesucht haben. Alle sind einfach, viele mit Gipfel.

Natürlich war es super heute. Dass wir es mit Siri hoch auf den Berg geschafft haben, macht mich stolz.

„Aber?“, fragt mein Mann. „Aber es war schon sehr steil“, sage ich. „Und Siri war viel in der Trage.“ Wir schauen uns an – und streichen alle Gipfel. Die flachen Wanderungen in den nächsten Tagen sind zwar nicht automatisch weniger anstrengend, aber die Pausen sind einfacher, und Siri kann sich mehr bewegen. Wir fahren mit dem Schiff über den Königssee, wandern über Wurzeln und vorbei an hinkelsteingroßen Felsbrocken um den Obersee bis zur Fischunkelalm, wo es Kasbrot und eine chillige Wiese gibt.

Und ein sagenhaft schönes Spiegelbild der Watzmann-Ostwand im glatten See.

Wir streifen durch den Zauberwald und durch den Märchenwald, weil uns die Namen so gut gefallen und wir dort andere Kinder und den Froschkönig treffen. Wir kneippen und lassen Siris Füßchen ins kalte Wasser baumeln, aus dem unsere Tochter sie angewidert sofort wieder rauszieht. Wir erobern die Höhenwege rund um Berchtesgaden, genießen den Blick und beim Windbeutelbaron auf der Graflhöhe so riesige Windbeutel, dass wir uns einen teilen müssen.

Der Watzmann, der mich bei unserer Ankunft schon etwas gejuckt hat, muss noch ein bisschen warten. Bis dahin aber bleibt uns eine Wanderregel ganz sicher erhalten: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Mit Baby sind wir das frühe Aufstehen nämlich jetzt gewohnt. Chronobiologisch sind wir so fit wie noch nie in unserem Leben. Und Siri liebt es, wenn ihr gleich nach dem Frühstück ordentlich was geboten wird.